Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Metakognition und Grübeln: zwei Arten, sich dem eigenen Denken zuzuwenden
Metakognition ist Denken über das eigene Denken mit dem Ziel, es zu überwachen und zu steuern, Grübeln ist wiederholtes Denken über denselben Inhalt, das keine Steuerung hervorbringt.
Beide richten sich nach innen, und beide können lange dauern. Der Unterschied liegt in der Blickrichtung. Metakognition betrachtet den Denkvorgang: Was denke ich gerade, und führt es weiter? Grübeln bleibt im Inhalt und kehrt zu ihm zurück.
Von außen sehen beide gleich aus. Von innen unterscheiden sie sich darin, ob am Ende etwas anders ist als am Anfang.
Was Metakognition ist: der Begriff von John H. Flavell
Metakognition bezeichnet das Wissen über das eigene Denken und die Fähigkeit, es zu überwachen.
Der Entwicklungspsychologe John H. Flavell von der Stanford University führte den Begriff in die Psychologie ein und fasste ihn 1979 im American Psychologist zusammen. Ausgangspunkt waren Versuche mit Kindern: Sie sollten Gegenstände lernen, bis sie sicher waren, sie fehlerfrei zu erinnern. Jüngere Kinder hielten sich oft für bereit, obwohl sie es nicht waren.
Flavell schloss daraus, dass das Denken selbst und das Wissen über dieses Denken zwei verschiedene Fähigkeiten sind. Wer gut denkt, überwacht sein Denken deshalb noch nicht zwangsläufig. Warum genau dieses Überwachen am Anfang jeder Veränderung steht, beschreibt Metakognition als allererste Übung.
Metakognitives Wissen und Regulation
Metakognition besteht aus zwei Teilen: dem Wissen über das eigene Denken und der Regulation, also seiner Steuerung.
Gregory Schraw und Rayne Sperling Dennison entwickelten 1994 einen Fragebogen mit 52 Fragen, das Metacognitive Awareness Inventory. In zwei Studien mit 307 Studierenden bestätigten sich genau diese zwei Faktoren. Zum Wissen gehört etwa, die eigenen Stärken und Grenzen beim Lernen zu kennen. Zur Regulation gehören Planen, Überwachen und Auswerten.
Die Unterscheidung ist praktisch folgenreich. Wissen über das eigene Denken ohne Regulation bleibt Beschreibung. Erst die Regulation macht aus einer Beobachtung eine Kurskorrektur.
Was Grübeln ist: wiederholtes Denken ohne Kurswechsel
Grübeln ist eine Form wiederholten Denkens, die um dasselbe Thema kreist, ohne zu einer Lösung oder Entscheidung zu führen.
Der Psychologe Edward R. Watkins von der University of Exeter zeigte 2008 im Psychological Bulletin, dass wiederholtes Denken nicht grundsätzlich schadet. Es kann der Planung und der Verarbeitung dienen, aber auch belasten. Ob es hilft oder nicht, hängt nach Watkins vor allem von drei Faktoren ab: der Tönung der Inhalte, der Situation und der Abstraktionsebene. Abstraktes, bewertendes Kreisen um das Warum erwies sich eher als belastend, konkretes Denken über das Wie eher als hilfreich.
Grübeln ist in diesem Sinn nicht zu viel Denken, sondern Denken auf der falschen Ebene.
Die Beobachterrolle: Viktor Frankls Selbstdistanzierung
Die Beobachterrolle ist die Haltung, aus der heraus das eigene Denken betrachtet wird, statt in ihm aufzugehen.
Viktor Frankl, Wiener Psychiater und Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, nannte die zugrunde liegende Fähigkeit Selbstdistanzierung. Das Lexikon der Psychologie beschreibt sie als Fähigkeit der Person, von sich selbst Abstand zu nehmen und sich selbst gegenüberzutreten. Sie ist nach Frankl jedem Menschen gegeben, aber unterschiedlich weit geübt.
Metakognition setzt diese Distanz voraus. Grübeln ist der Zustand, in dem sie fehlt: Der Gedanke wird nicht betrachtet, er wird gedacht, wieder und wieder.
Meta-Bewusstsein und Kohärenz: der Unterschied im Vergleich
Meta-Bewusstsein ist der Moment, in dem jemand bemerkt, was er gerade denkt. Es ist der Punkt, an dem Grübeln in Metakognition übergehen kann.
| Merkmal | Metakognition | Grübeln |
|---|---|---|
| Gegenstand | der Denkvorgang | der Denkinhalt |
| Leitfrage | Wie gehe ich vor, und hilft es? | Warum ist das so? |
| Verlauf | schreitet fort | kehrt zum Anfang zurück |
| Ergebnis | eine Entscheidung oder ein nächster Schritt | dieselbe Frage, verstärkt |
| Kohärenz | neue Einsicht wird mit bestehenden Annahmen abgeglichen | Einsicht bleibt unverbunden |
Kohärenz meint hier, dass das Ergebnis des Nachdenkens zu den übrigen Annahmen in Beziehung gesetzt wird: Es bestätigt sie, ändert sie oder grenzt sie ein. Watkins' Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Verarbeitung steckt in der zweiten Zeile. Das Fazit des Vergleichs: Nicht die Dauer des Nachdenkens entscheidet, sondern ob es den Denkvorgang erreicht.
Was Metakognition nicht ist
Metakognition ist nicht gleichzusetzen mit:
- einer Technik gegen unerwünschte Gedanken
- positivem Denken
- besonders intensivem Nachdenken
- einem therapeutischen Verfahren
Hält Grübeln über lange Zeit an und belastet es den Alltag spürbar, gehört das in eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung. Die Unterscheidung auf dieser Seite beschreibt eine Fähigkeit der Selbstführung. Sie ist kein Mittel zur Selbsteinschätzung von Beschwerden.
Typische Fehlannahmen
- Wer viel über sich nachdenkt, ist besonders reflektiert
- Grübeln lässt sich durch noch gründlicheres Nachdenken beenden
- Metakognition heißt, keine negativen Gedanken zu haben
- Die Frage nach dem Warum führt am tiefsten
Die letzte Annahme widerspricht den Befunden von Watkins am deutlichsten. Die abstrakte Frage nach dem Warum hält das Denken eher im Kreis. Die konkrete Frage nach dem Wie bringt es eher voran.
Wo dieser Punkt weiterführt
Was das Nachdenken über sich selbst überhaupt erfassen kann und was nur andere sehen, beschreibt Selbstwahrnehmung und Fremdbild.
Wie aus der Beobachterrolle eine dauerhafte Haltung wird, in der ein Gedanke betrachtet werden kann, ohne für das eigene Ich gehalten zu werden, beschreibt Gedanken beobachten, ohne sie zu sein.
Wo prüfendes Denken zu einer Folge für das eigene Handeln wird, beginnt Reflexion und Verantwortungsübernahme.
Nachdenken ist noch keine Steuerung.
Steuerung beginnt beim Bemerken.
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