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09. Oktober 20264 Minvon Marco Kogler

Disidentifikation: Gedanken beobachten, ohne sie zu sein

Disidentifikation heißt, einen Gedanken als Inhalt zu bemerken statt als das eigene Ich. Woher der Begriff stammt und wie er sich von Dissoziation abgrenzt.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Disidentifikation: einen Gedanken als Inhalt bemerken

Disidentifikation ist der Schritt, mit dem ein Gedanke, ein Gefühl oder eine Rolle als Inhalt des Erlebens bemerkt wird statt als die eigene Person.

Der Gegenbegriff ist Identifikation. Im Satz „Ich bin wütend" fällt die Person mit dem Gefühl zusammen. Im Satz „Ich bemerke Wut" steht sie ihm gegenüber. Das Gefühl ist in beiden Fällen dasselbe, verändert hat sich nur das Verhältnis zu ihm.

Disidentifikation nimmt dem Inhalt nichts weg. Sie schafft einen Abstand, aus dem heraus der Inhalt betrachtet werden kann.


Woher der Begriff stammt: Roberto Assagioli und die Psychosynthese

Der Begriff Disidentifikation stammt aus der Psychosynthese des italienischen Psychiaters Roberto Assagioli.

In einem Vortrag vom 8. März 1964 beschrieb Assagioli eine Übung in Stufen. Zuerst wird festgehalten: Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Danach folgen dieselben Sätze für Gefühle, Wünsche und den Verstand. Was nach diesen Schritten bleibt, nannte Assagioli das Ich als Zentrum von Bewusstsein und Wille.

Fünf Stufen von unten nach oben: Körper, Gefühle, Wünsche, Verstand, jeweils mit dem Satz ich habe ihn, bin ihn aber nicht, und oben das Ich als Zentrum von Bewusstsein und Wille. Hervorgehoben ist das Ich.
Was nach den Schritten bleibt, nannte Assagioli das Ich als Zentrum von Bewusstsein und Wille.

Den Körper bezeichnet Assagioli in demselben Text als wertvolles Instrument, um das man sich kümmert. Disidentifikation ist bei ihm also keine Abwertung des Körpers oder der Gefühle, sondern eine Klärung, wer sie hat.


Identifikation und Nicht-Identifikation: Zustand und Vorgang

Identifikation und Nicht-Identifikation sind Zustände, Disidentifikation ist der Vorgang, der vom einen zum anderen führt.

Die Psychologie beschreibt diesen Vorgang heute unter dem Begriff Dezentrierung. Amit Bernstein von der Universität Haifa und Kollegen ordneten 2015 in Perspectives on Psychological Science mehrere verwandte Konzepte einem gemeinsamen Modell zu. Es besteht aus drei metakognitiven Prozessen: dem Bemerken der eigenen Inhalte (Meta-Bewusstsein), der Disidentifikation von ihnen und einer geringeren Reaktion auf sie.

Assagiolis Begriff steht damit nicht allein. Er beschreibt einen Prozess, den die Forschung inzwischen getrennt untersucht.


Bewusstseinskontinuität: was bleibt, wenn die Inhalte wechseln

Bewusstseinskontinuität meint die Beobachtung, dass Gedanken und Gefühle wechseln, während die Instanz, die sie bemerkt, dieselbe bleibt.

Diese Beobachtung ist die Voraussetzung von Assagiolis Übung. Würde das Ich mit jedem Gedanken wechseln, gäbe es keinen Ort, von dem aus sich ein Gedanke betrachten ließe. Weil Inhalte kommen und gehen, das Bemerken aber fortbesteht, lässt sich zwischen beidem unterscheiden.

Daraus folgt keine Aussage über ein unveränderliches Selbst. Gemeint ist nur, dass das Bemerken über die einzelnen Inhalte hinaus andauert.


Frankls Trotzmacht des Geistes

Die Trotzmacht des Geistes ist Viktor Frankls Begriff für die Fähigkeit, sich gegen die eigenen Stimmungen und Antriebe zu stellen.

Frankl, Wiener Psychiater und Begründer der Logotherapie, unterschied zwischen dem, was ein Mensch an Antrieben und Gefühlen vorfindet, und der Stellung, die er dazu einnimmt. Laut dem Lexikon der Psychologie kann der Mensch nach Frankl bis zu einem gewissen Grad trotz seiner Ängste dem nachgehen, was er für sinnvoll hält. Die Grundlage dafür ist die Selbstdistanzierung.

Disidentifikation und Trotzmacht hängen zusammen. Die erste schafft den Abstand, die zweite nutzt ihn für eine Entscheidung.


Was Disidentifikation nicht ist

Disidentifikation ist nicht gleichzusetzen mit:

  • Dissoziation oder Depersonalisation
  • dem Unterdrücken von Gefühlen
  • Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Erleben
  • einer Abwertung von Körper und Gefühl

Der erste Punkt verlangt eine klare Grenze. Dissoziation und Depersonalisation bezeichnen ein ungewolltes Erleben, sich selbst fremd oder wie von außen zu sein. Disidentifikation ist ein gewollter, jederzeit umkehrbarer Perspektivwechsel, bei dem Körper und Gefühl voll wahrgenommen bleiben. Wer ein ungewolltes Fremdheitserleben kennt, gehört damit in ärztliche Abklärung, nicht in eine Übung.

Die Abgrenzung ist auch innerhalb der Psychosynthese ein Thema. Kenneth Sørensen, Herausgeber von Assagiolis Vortragstexten, nennt Kritiker wie John Firman und Ann Gila, die der Übung Dualismus vorwarfen und eine Förderung von Dissoziation befürchteten.


C. G. Jung und der Schatten: was sich der Beobachtung entzieht

Der Schatten bezeichnet bei C. G. Jung die Anteile einer Person, die ihr nicht bewusst sind und ihrem Ideal von sich widersprechen.

So definiert ihn das Lexikon der Psychologie für Jungs Analytische Psychologie. Jung behandelte den Schatten 1951 in Aion gleich in den ersten Kapiteln, neben dem Ich. Was im Schatten liegt, zeigt sich nach Jung oft nicht als eigener Gedanke, sondern als heftige Ablehnung derselben Eigenschaft bei anderen.

Für die Disidentifikation markiert der Schatten eine Grenze. Sie wirkt nur auf das, was bemerkt wird. Was abgewehrt wird, erscheint gar nicht erst als Inhalt, von dem sich Abstand nehmen ließe.


Typische Fehlannahmen

  • Disidentifikation bedeutet, nichts mehr zu fühlen
  • Wer sich von einem Gedanken löst, hat ihn widerlegt
  • Abstand zu Gefühlen ist eine Form von Kälte
  • Alles Unangenehme lässt sich durch Beobachten auflösen

Die zweite Annahme verwechselt Abstand mit Prüfung. Disidentifikation klärt, dass ein Gedanke ein Gedanke ist. Ob er zutrifft, ist eine andere Frage, und die beantwortet erst die Prüfung, die aus dem Abstand möglich wird.


Wo dieser Punkt weiterführt

Die Beobachterrolle, aus der Disidentifikation möglich wird, beschreibt Metakognition oder Grübeln. Dort steht auch, woran sich prüfendes von kreisendem Denken unterscheidet.

Welche Anteile der eigenen Person nur von außen sichtbar sind, beschreibt Selbstwahrnehmung und Fremdbild.

Dass ein Inhalt überhaupt bemerkt wird, setzt eine gelenkte Aufmerksamkeit voraus: Aufmerksamkeit lenken.


Ein Gedanke ist ein Inhalt.
Wer ihn bemerkt, ist mehr als dieser Inhalt.

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MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

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