Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Prüfen und Folgen ziehen
Reflexion ist das Prüfen einer eigenen Annahme. Verantwortungsübernahme ist der Schritt, aus dem Ergebnis dieser Prüfung eine Folge zu ziehen.
Beide Begriffe stehen nebeneinander und meinen doch Verschiedenes. Reflexion ohne den zweiten Schritt bleibt folgenlos. Verantwortungsübernahme ohne den ersten trifft ins Ungefähre.
Was Reflexion von Nachdenken unterscheidet
Reflexion richtet sich nicht auf einen Sachverhalt, sondern auf das eigene Verhältnis zu ihm.
Donald Schön, Professor am MIT, stellte 1983 in The Reflective Practitioner die reflection-in-action ins Zentrum, das Nachjustieren während einer Handlung, und grenzte sie vom Prüfen im Nachhinein ab. Das heute geläufige Begriffspaar reflection-in-action und reflection-on-action hat sich erst in der Rezeption seiner Arbeiten verfestigt. Die erste Form läuft schnell und meist unbemerkt ab. Die zweite braucht Abstand und lässt sich absichtlich herstellen.
Der Unterschied zum gewöhnlichen Nachdenken liegt im Gegenstand. Wer über ein Problem nachdenkt, sucht eine Lösung. Wer reflektiert, prüft, ob er das Problem richtig zugeschnitten hat.
Kognitive Flexibilität: zwischen Deutungen wechseln
Kognitive Flexibilität ist die Fähigkeit, zwischen mehreren Deutungen derselben Situation zu wechseln, ohne eine davon aufgeben zu müssen.
In der Psychologie zählt sie zu den exekutiven Funktionen, neben Arbeitsgedächtnis und Inhibitionskontrolle. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Reflexion mehr hervorbringt als eine Bestätigung der ersten Deutung.
Fehlt sie, verläuft Reflexion im Kreis: Die Situation wird wiederholt betrachtet, aber immer aus derselben Perspektive. Kognitive Verzerrungen wirken dabei als Bremse. Der Bestätigungsfehler sorgt dafür, dass jede weitere Betrachtung dieselbe Deutung stützt. Was dabei entsteht, ist keine Prüfung, sondern Wiederholung, und lässt sich von Rumination kaum unterscheiden. Wo diese Grenze verläuft, ist ein eigenes Thema: Metakognition oder Grübeln.
Verantwortungsübernahme heißt Einfluss, nicht Schuld
Verantwortungsübernahme bezeichnet die Feststellung, welchen Anteil das eigene Handeln an einem Ergebnis hatte, und was daraus folgt.
Die häufigste Verwechslung ist die mit Schuld. Schuld blickt zurück und fragt, wer es verursacht hat. Verantwortung blickt nach vorn und fragt, worauf sich Einfluss nehmen lässt. Beide Fragen können zu unterschiedlichen Antworten führen: Jemand kann an einer Lage keine Schuld tragen und trotzdem Einfluss auf ihren weiteren Verlauf haben.
Diese Unterscheidung ist keine sprachliche Feinheit. Sie entscheidet darüber, ob die Prüfung einer Annahme zu einer Handlung führt oder in einer Bewertung der eigenen Person endet.
Nicht gemeint ist damit die Zuschreibung, jemand habe seine Lage selbst zu verantworten. Der Einflussbereich einer Person ist begrenzt, und seine Grenzen zu kennen gehört zur Feststellung dazu.
Warum Selbstwirksamkeit die Voraussetzung ist
Ob jemand aus einer Einsicht eine Handlung ableitet, hängt davon ab, ob er sich zutraut, dass die Handlung etwas bewirkt.
Albert Bandura, Psychologe an der Stanford University, nannte diese Erwartung 1977 Selbstwirksamkeit, in einem Aufsatz in der Psychological Review. Bandura zeigte, dass die Erwartung eines Menschen, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können, sein Verhalten stärker vorhersagt als seine tatsächlichen Fähigkeiten.
Für die Reihenfolge heißt das: Reflexion und Verantwortungsübernahme setzen eine dritte Größe voraus, die vor beiden liegt. Wer nicht erwartet, wirken zu können, prüft seine Annahmen auch nicht. Die Prüfung hätte keine Konsequenz. Diesen Zusammenhang beschreibt die Notiz Selbstwirksamkeit.
Lernfähigkeit: was aus der Prüfung hängen bleibt
Lernfähigkeit im hier gemeinten Sinn ist die Fähigkeit, eine geprüfte Annahme dauerhaft zu ersetzen.
Der Punkt ist weniger selbstverständlich, als er klingt. Eine als unzutreffend erkannte Annahme verschwindet nicht. Sie steht beim nächsten Mal wieder als erste zur Verfügung, weil sie eingeübt ist. Was sich ändert, ist nicht ihr Auftreten, sondern ihr Status: Sie erscheint als eine Möglichkeit unter mehreren statt als die Sache selbst.
Daraus folgt eine praktische Erwartung. Zwischen dem Erkennen und dem Nachlassen einer Annahme liegt eine Phase, in der beides gleichzeitig besteht. Wer diese Phase als Rückfall deutet, bricht die Prüfung ab, bevor sie wirksam wird.
Typische Fehlannahmen
- Wer viel reflektiert, verändert sich stärker
- Verantwortung übernehmen heißt, sich schuldig zu bekennen
- Einsicht führt von selbst zu Handlung
- Selbstkontrolle ist eine Eigenschaft, die jemand hat oder nicht hat
Die letzte Annahme stützt sich meist auf ein einzelnes Experiment. Walter Mischel untersuchte ab den späten 1960er Jahren an der Bing Nursery School der Stanford University, wie lange Kinder auf eine größere Belohnung warten konnten, bekannt geworden als Marshmallow-Test. Spätere Auswertungen relativierten den Befund erheblich: Eine konzeptuelle Replikation von Tyler Watts, Greg Duncan und Haonan Quan aus dem Jahr 2018 fand nach Kontrolle für familiären Hintergrund und kognitive Ausgangslage nur noch schwache Zusammenhänge mit späteren Ergebnissen; der Zusammenhang schrumpfte um etwa zwei Drittel, und der größte Teil davon ging darauf zurück, überhaupt einige Sekunden warten zu können. Selbstkontrolle erscheint darin weniger als stabile Eigenschaft denn als Ausdruck der Umstände, unter denen jemand aufwächst. Was daraus für die eigene Umsetzung folgt, beschreibt Warum Wille allein nicht reicht.
Wo dieser Punkt weiterführt
Der Gegenstand jeder Reflexion ist eine Bewertung, beschrieben in Bewertung als Zwischenschritt.
Ob eine Annahme über sich selbst überhaupt zur Prüfung freigegeben wird, hängt vom Selbstbild ab.
Die Erwartung, wirken zu können, ist ein eigenes Thema: Selbstwirksamkeit.
Eine Einsicht, aus der nichts folgt,
ist noch keine Reflexion.
Zurück zur Übersicht: Mindset & Selbstbild
