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05. November 20265 Minvon Marco Kogler

Innere Mitte: was es psychologisch heißt, bei sich zu bleiben

Innere Mitte psychologisch erklärt: was Gleichmut bedeutet, wie wertfreies Beobachten funktioniert und worin sich die Mitte von innerer Ruhe unterscheidet.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Innere Mitte: was der Ausdruck meint

Die innere Mitte ist ein Ausdruck der Alltagssprache für einen Zustand, in dem jemand wahrnimmt, was in ihm und um ihn geschieht, ohne davon fortgerissen zu werden.

Ein Fachbegriff der Psychologie ist die innere Mitte nicht. In Ratgebern steht der Ausdruck für Ruhe, Balance oder ein Energiezentrum im Körper. Die Psychologie beschreibt das, was die meisten Menschen damit meinen, mit drei genaueren Begriffen: Gleichmut, Achtsamkeit und Emotionsregulation.

Diese Notiz erklärt die innere Mitte über diese drei Begriffe. Die Frage, wie man in seiner Mitte bleibt, wird damit zu einer Frage der Selbstregulation.


Gleichmut: der Forschungsbegriff, der der inneren Mitte am nächsten kommt

Gleichmut ist eine ausgeglichene Haltung gegenüber allem, was erlebt wird, unabhängig davon, ob es angenehm, unangenehm oder neutral ist.

So definierte eine Gruppe um Gaëlle Desbordes vom Massachusetts General Hospital in Boston den Begriff 2015 in der Zeitschrift Mindfulness[1]. Die Autorinnen und Autoren schlugen vor, Gleichmut als eigene Messgröße in der Forschung zu Meditation zu verwenden. Einige Teile dessen, was unter Achtsamkeit gefasst wird, lassen sich nach ihrer Übersicht besser als Gleichmut beschreiben.

Der Artikel ist ein Vorschlag und eine Übersicht, keine Studie mit eigenem Ergebnis. Er zeigt, dass die Forschung den Zustand ernst nimmt, den der Alltag innere Mitte nennt.


Wertfrei beobachten: Achtsamkeit als Lenkung der Aufmerksamkeit

Wertfrei beobachten heißt, ein Erleben zu bemerken, bevor es bewertet wird.

Eine Arbeitsgruppe um Scott Bishop von der University of Toronto legte 2004 in Clinical Psychology: Science and Practice[2] eine gemeinsame Definition von Achtsamkeit vor. Sie besteht aus zwei Teilen. Der erste ist die Selbstregulation der Aufmerksamkeit, die beim gegenwärtigen Erleben bleibt. Der zweite ist eine Haltung von Neugier, Offenheit und Akzeptanz gegenüber diesem Erleben.

Für die innere Mitte lässt sich daraus ableiten: Wertfrei heißt nicht, keine Meinung zu haben. Es heißt, die Bewertung nicht schon in die Wahrnehmung hineinzulegen.


Emotionsregulation: an welchen Stellen sich ein Gefühl beeinflussen lässt

Emotionsregulation bezeichnet die Vorgänge, mit denen Menschen beeinflussen, welche Gefühle sie haben, wann sie sie haben und wie sie sie erleben und zeigen.

James Gross von der Stanford University ordnete das Forschungsfeld 1998 in der Review of General Psychology[3]. Nach seinem Prozessmodell der Emotionsregulation lässt sich ein Gefühl an fünf Stellen beeinflussen:

  • bei der Wahl der Situation
  • bei der Veränderung der Situation
  • bei der Lenkung der Aufmerksamkeit
  • bei der Bewertung der Situation
  • bei der Reaktion selbst
Ablauf in fünf Schritten nach dem Prozessmodell von James Gross: Situation wählen, Situation ändern, Aufmerksamkeit lenken, Lage bewerten, Reaktion. Hervorgehoben ist die Aufmerksamkeit.
Nach James Gross lässt sich ein Gefühl an fünf Stellen beeinflussen.

Das Modell ordnet die Wege danach, wann sie ansetzen. Es sagt nicht, welcher Weg in jeder Lage der richtige ist.


Wie bleibe ich in meiner Mitte: die Antwort der Selbstregulation

Überträgt man das Prozessmodell von James Gross auf die innere Mitte, heißt in ihr zu bleiben, an einer der fünf Stellen Einfluss auf das eigene Gefühl zu nehmen.

Die Frage hat deshalb keine einzelne Antwort. Wer bemerkt, dass ein Gespräch kippt, kann die Aufmerksamkeit auf das richten, was gerade gesagt wird. Wer eine Lage als Angriff deutet, kann die Bewertung prüfen. Wer schon reagiert, kann die Reaktion abschwächen. Jede dieser Stellen ist ein Weg zurück in die Mitte.

Gemeinsam ist allen Wegen ein erster Schritt: zu bemerken, dass die Mitte gerade verloren geht.


Woran sich merken lässt, dass man in seiner Mitte ist

Ob jemand in seiner Mitte ist, zeigt sich zuerst daran, ob er eine Wahl zwischen Reiz und Reaktion bemerkt.

Fehlt diese Wahl, kann sich das zuerst im Körper bemerkbar machen, etwa als Anspannung. Wie genau diese Wahrnehmung ist, bleibt aber offen. Sarah Garfinkel und Kollegen fanden 2015 in Biological Psychology[4], dass die Selbsteinschätzung der eigenen Körperwahrnehmung die gemessene Genauigkeit nur zum Teil vorhersagt.

Das Gefühl, in der Mitte zu sein, ist damit ein Hinweis und kein Messwert. Es lässt sich prüfen, indem man auf das eigene Verhalten achtet.


Innere Mitte und innere Ruhe: der Unterschied

Innere Ruhe beschreibt einen Zustand geringer Erregung, die innere Mitte eine Haltung, die auch bei starker Erregung bestehen kann.

Die Definition von Gleichmut der Gruppe um Gaëlle Desbordes bezieht sich auf alle Erfahrungen, auch auf die unangenehmen. Gleichmut setzt also nicht voraus, dass es still ist. Jemand kann aufgeregt, traurig oder wütend sein und trotzdem bemerken, was in ihm vorgeht, ohne davon gesteuert zu werden.

Ruhe kann fehlen, während die Mitte da ist. Umgekehrt kann jemand ruhig sein, weil er etwas nicht wahrnimmt.


Was innere Mitte in dieser Notiz nicht ist

Innere Mitte ist in dieser Notiz nicht gleichzusetzen mit:

  • Gefühllosigkeit oder Gleichgültigkeit
  • einem Dauerzustand, der nie verloren geht
  • einem Energiezentrum im Körper
  • einem Ergebnis, das eine bestimmte Übung sicher herbeiführt

Die Notiz beschreibt, wie die Psychologie den Zustand fasst. Übungen und Meditationsanleitungen behandelt sie nicht.

Anhaltende innere Unruhe, die den Alltag einschränkt oder nicht nachlässt, gehört ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt. Selbstbeobachtung ersetzt diese Abklärung nicht.


Typische Fehlannahmen

  • Wer in seiner Mitte ist, regt sich nicht mehr auf
  • Wertfrei beobachten heißt, alles gutzuheißen
  • Die innere Mitte findet man einmal und behält sie dann
  • In der Mitte zu sein ist dasselbe wie entspannt zu sein

Der ersten Annahme widerspricht die Definition von Gleichmut am deutlichsten. Gleichmut gilt nach dieser Definition auch für unangenehme Erfahrungen. Wer sich aufregt und es bemerkt, hat die Mitte nicht verloren.

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Wo dieser Punkt weiterführt

Wie sich ein Gedanke als Inhalt bemerken lässt, statt ihn für das eigene Ich zu halten, beschreibt Disidentifikation: Gedanken beobachten, ohne sie zu sein.

Wie sich der Fokus setzen und zurückholen lässt, zeigt Aufmerksamkeit lenken.

Wie sich Meldungen des Körpers lesen lassen und wo diese Wahrnehmung täuscht, beschreibt Körpersignale als Führungsinformation.

Warum die Bewertung einer Lage über die Reaktion entscheidet, erklärt Das ABC-Modell.


Die Mitte ist kein Ort, an dem es still ist.
Sie ist der Abstand, aus dem sich ein Gefühl bemerken lässt.

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Einzelnachweise4 Quellen · davon 4 Fachpublikationen
  1. ↑ 1Gaëlle Desbordes, Tim Gard, Elizabeth A. Hoge u. a.: Moving Beyond Mindfulness: Defining Equanimity as an Outcome Measure in Meditation and Contemplative Research. In: Mindfulness. Band 6, Nr. 2, 2014, S. 356–372. doi:10.1007/s12671-013-0269-8
  2. ↑ 2Scott R. Bishop, Mark Lau, Shauna Shapiro u. a.: Mindfulness: A proposed operational definition. In: Clinical Psychology: Science and Practice. Band 11, Nr. 3, 2004, S. 230–241. doi:10.1093/clipsy.bph077
  3. ↑ 3James J. Gross: The Emerging Field of Emotion Regulation: An Integrative Review. In: Review of General Psychology. Band 2, Nr. 3, 1998, S. 271–299. doi:10.1037/1089-2680.2.3.271
  4. ↑ 4Sarah N. Garfinkel, Anil K. Seth, Adam B. Barrett u. a.: Knowing your own heart: Distinguishing interoceptive accuracy from interoceptive awareness. In: Biological Psychology. Band 104, 2015, S. 65–74. doi:10.1016/j.biopsycho.2014.11.004
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