Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Selbstwahrnehmung und Fremdbild: zwei Sichten auf dieselbe Person
Selbstwahrnehmung ist das Bild, das eine Person von innen über sich gewinnt, das Fremdbild ist das Bild, das andere von außen über sie gewinnen.
Beide Bilder, Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, beziehen sich auf dieselbe Person, aber sie beruhen auf verschiedenen Daten. Von innen sind Gedanken, Absichten und Gefühle zugänglich. Von außen sind Verhalten, Tonfall und Wirkung zugänglich.
Dass beide Bilder auseinanderfallen, ist deshalb der Normalfall und kein Fehler.
Was das Johari-Fenster zeigt
Das Johari-Fenster ist ein Schema aus vier Feldern, das ordnet, was eine Person über sich weiß und was andere über sie wissen.
Die Psychologen Joseph Luft und Harrington Ingham stellten es 1955 bei einem Sommerlabor zur Gruppendynamik an der University of California, Los Angeles vor. Der Name setzt sich aus ihren Vornamen zusammen. Die vier Felder entstehen aus zwei Fragen: Ist etwas mir bekannt? Ist es anderen bekannt?
- Öffentlich: mir bekannt und anderen bekannt
- Blinder Fleck: anderen bekannt, mir nicht
- Verborgen: mir bekannt, anderen nicht
- Unbekannt: weder mir noch anderen bekannt
Für den Abgleich von Selbstwahrnehmung und Fremdbild ist der blinde Fleck das entscheidende Feld. Was dort liegt, lässt sich durch Nachdenken allein nicht erreichen, weil die Information dazu bei anderen liegt.
Warum andere manches genauer sehen: das SOKA-Modell
Das SOKA-Modell (Self-Other Knowledge Asymmetry) sagt voraus, bei welchen Eigenschaften die Selbstwahrnehmung genauer ist und bei welchen das Fremdbild.
Die Psychologin Simine Vazire, damals an der Washington University in St. Louis, prüfte das Modell 2010 im Journal of Personality and Social Psychology. 165 Teilnehmende schätzten sich selbst ein, dazu kamen Einschätzungen von Freunden und Fremden und Verhaltensmessungen. Ergebnis: Bei schwer beobachtbaren Eigenschaften wie Ängstlichkeit war die Selbsteinschätzung genauer. Bei stark bewerteten Eigenschaften wie Intelligenz waren die anderen genauer, weil dort der Wunsch nach einem günstigen Bild die eigene Sicht verzerrt.
Die Effekte in Folgestudien fielen bescheiden aus, und geprüft wurde das Modell bisher nur für Persönlichkeitseigenschaften. Die Richtung bleibt trotzdem aufschlussreich: Je wertender eine Eigenschaft, desto weniger taugt die Innensicht allein.
Objektive Selbstaufmerksamkeit: wenn der Blick sich nach innen wendet
Objektive Selbstaufmerksamkeit bezeichnet den Zustand, in dem eine Person sich selbst zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit macht.
Shelley Duval und Robert A. Wicklund beschrieben ihn 1972 in A Theory of Objective Self Awareness. Ihr Befund: Wer sich selbst betrachtet, vergleicht sich fast unweigerlich mit einem Maßstab, etwa mit dem eigenen Ideal oder einer Norm. Eine Abweichung wird als unangenehm erlebt.
Daraus folgt eine Einschränkung für jede Innenschau. Der Blick nach innen liefert kein neutrales Bild, sondern einen Vergleich. Selbstwahrnehmung ist damit nicht nur unvollständig, sondern auch gewichtet.
Bestätigungsfehler: warum sich ein Selbstbild selbst stützt
Der Bestätigungsfehler ist die Neigung, Informationen so zu suchen und zu deuten, dass sie eine bestehende Annahme stützen.
Der britische Psychologe Peter Wason zeigte 1960 mit der sogenannten 2-4-6-Aufgabe, dass Versuchspersonen eine vermutete Regel vor allem mit Beispielen prüften, die zu ihr passten. Beispiele, die die Regel hätten widerlegen können, probierten sie kaum aus.
Auf die Selbstwahrnehmung übertragen heißt das: Rückmeldungen, die zum eigenen Bild passen, werden behalten. Rückmeldungen, die nicht passen, gelten als Missverständnis. Die Lücke zum Fremdbild schließt sich so nicht, sie stabilisiert sich.
Was Selbstwahrnehmung nicht ist
Selbstwahrnehmung ist nicht gleichzusetzen mit:
- Selbstbewusstsein im Sinne von Auftreten
- einem Persönlichkeitstest
- dem Urteil anderer als der eigentlichen Wahrheit
- ständiger Selbstbeobachtung
Das Fremdbild ist nicht die korrekte Fassung der Selbstwahrnehmung. Es hat eigene blinde Flecken, vor allem dort, wo es um Gedanken und Absichten geht. Beide Bilder sind Ausschnitte, und erst der Abgleich ergibt mehr als jeder Ausschnitt allein.
Typische Fehlannahmen
- Wer sich gut kennt, hat keinen blinden Fleck
- Andere sehen eine Person immer genauer als sie sich selbst
- Mehr Nachdenken über sich schließt die Lücke
- Ein abweichendes Fremdbild ist ein Fehlurteil der anderen
Die dritte Annahme ist die verbreitetste. Nach Luft und Ingham liegt der blinde Fleck gerade dort, wo die Innensicht nicht hinreicht. Mehr Innensicht verschiebt deshalb nichts, eine Rückmeldung von außen schon.
Wo dieser Punkt weiterführt
Was eine Person aus solchen Rückmeldungen über sich ableitet, gehört zum Selbstbild. Das Johari-Fenster verbindet beide Themen: hier die Lücke, dort die Frage, ob das Selbstbild sie überhaupt zulässt.
Ob das Nachdenken über sich zu einer Einsicht führt oder im Kreis läuft, beschreibt die Unterscheidung Metakognition oder Grübeln.
Wie sich ein Gedanke über sich selbst betrachten lässt, ohne ihn für eine Tatsache zu halten, beschreibt Gedanken beobachten, ohne sie zu sein.
Das eigene Bild ist ein Ausschnitt.
Ein anderer Ausschnitt liegt bei den anderen.
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