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12. Oktober 20264 Minvon Marco Kogler

Körpersignale als Führungsinformation: was der Körper meldet

Körpersignale melden den Zustand des eigenen Körpers. Was Interozeption ist, warum diese Wahrnehmung täuschen kann und was die Herzratenvariabilität misst.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Körpersignale: Auskünfte über den eigenen Zustand

Körpersignale sind Empfindungen aus dem Inneren des Körpers, etwa Herzschlag, Atmung, Anspannung, Hunger oder Müdigkeit, die über den aktuellen Zustand Auskunft geben.

Für die Selbstführung sind sie eine Information wie jede andere: Sie melden, wie viel Kraft gerade da ist, wie stark eine Lage belastet und wann Erholung fehlt. Wer sie bemerkt, kann Belastung und Pausen daran ausrichten, statt sie erst zu beachten, wenn die Erschöpfung nicht mehr zu übergehen ist.

Diese Notiz behandelt Körpersignale deshalb als Führungsinformation. Ein Signal ist eine Auskunft, die eingeordnet werden will, und kein Befehl.


Interozeption: der Sinn für den Zustand des Körpers

Interozeption ist die Wahrnehmung des physiologischen Zustands des eigenen Körpers.

A. D. Craig, Neuroanatom am Barrow Neurological Institute in Phoenix, beschrieb sie 2002 in Nature Reviews Neuroscience als Sinn für den physiologischen Zustand des Körpers. Craig fasste Befunde zusammen, nach denen ein eigenes System von Nervenbahnen den gesamten körperlichen Zustand an das Gehirn meldet. Dieses System könnte nach seinem Modell die Grundlage für Empfindungen wie Wohlbefinden, Energie und Anspannung sein.

Interozeption ist damit ein eigener Sinn neben Sehen, Hören oder Tasten. Er richtet sich nicht nach außen, sondern auf das, was im Körper selbst geschieht.


Interozeptive Genauigkeit: warum das Gespür für den Körper täuschen kann

Wie gut jemand seinen Körper wahrzunehmen glaubt, sagt wenig darüber, wie genau die Wahrnehmung tatsächlich ist.

Sarah Garfinkel und ihre Kollegen trennten 2015 in Biological Psychology drei Seiten der Interozeption. Die interozeptive Genauigkeit maßen sie mit Tests, in denen Teilnehmende ihren Herzschlag erkennen sollten. Die Selbsteinschätzung erhoben sie mit Fragebögen, und als dritte Seite prüften sie, ob die Zuversicht einer Person zu ihrer tatsächlichen Treffsicherheit passt. Bei 80 Teilnehmenden ließen sich alle drei Seiten voneinander trennen, und die Selbsteinschätzung sagte die Genauigkeit nur zum Teil voraus.

Drei Spalten zu den Seiten der Interozeption: Genauigkeit (Herzschlag-Test), Selbsteinschätzung (Fragebogen) und Passung von Zuversicht und Treffsicherheit; die Genauigkeit ist hervorgehoben.
Ein starkes Gefühl für den eigenen Körper ist noch kein genaues.

Ein starkes Gefühl für den eigenen Körper ist also noch kein genaues. Körpersignale gewinnen an Wert, wenn sie überprüft werden, statt als sichere Auskunft zu gelten.


Herzratenvariabilität: was die HRV misst

Die Herzratenvariabilität, kurz HRV, beschreibt, wie stark die Abstände zwischen zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen schwanken.

Fred Shaffer und J. P. Ginsberg geben 2017 in Frontiers in Public Health einen Überblick über die Messgrößen der HRV. Ein Herz schlägt danach nicht im Takt eines Metronoms. Die laufende Schwankung erlaubt dem Herz-Kreislauf-System, sich rasch auf körperliche und psychische Anforderungen einzustellen. Die Autoren betonen, dass Vergleichswerte stark von Messdauer, Alter und Geschlecht abhängen und zwischen Messarten nicht austauschbar sind.

Die HRV ist damit eine Messgröße der Forschung für die Anpassung des Körpers an Anforderungen. Eine einzelne Zahl sagt ohne diesen Zusammenhang wenig, deshalb nennt diese Notiz keine Werte.


Polyvagal-Theorie: ein umstrittenes Hintergrundmodell

Die Polyvagal-Theorie ist ein Modell, das Zustände des Nervensystems mit Verhalten verbindet, und sie ist in der Fachwelt stark umstritten.

Stephen Porges, Psychophysiologe, stellte die Theorie 2007 in Biological Psychology zusammenfassend dar. Sie unterscheidet zwei Systeme des Vagusnervs und deutet die Reaktionen des autonomen Nervensystems als Anpassungen, die sich in der Entwicklung der Wirbeltiere herausgebildet haben. Paul Grossman und Edwin Taylor widersprachen in derselben Zeitschrift 2007: Die Theorie gebe die Entwicklung der Vagussteuerung des Herzens nicht zutreffend wieder. Grossman legte 2023 nach und hält alle fünf Grundannahmen für nicht haltbar oder höchst unwahrscheinlich.

Die Theorie wird in Ratgebern oft als gesicherte Erklärung weitergegeben. Hier steht sie nur als Hintergrundmodell, aus dem sich keine Aussage über Wirkungen ableiten lässt.


Was Körpersignale in dieser Notiz nicht sind

Körpersignale sind in dieser Notiz nicht gleichzusetzen mit:

  • Körpersprache, also Gestik, Mimik und Haltung, die andere Menschen deuten
  • Messwerten von Uhren oder Apps
  • Befehlen, denen sofort zu folgen ist
  • einer Auskunft über die Ursache eines Zustands

Die Notiz beschreibt, wie Körpersignale wahrgenommen werden und wo diese Wahrnehmung täuscht. Sie ordnet keine einzelnen Empfindungen einer Ursache zu.

Anhaltende Erschöpfung, Herzklopfen, Schmerzen oder andere Beschwerden, die neu auftreten, wiederkehren oder belasten, gehören ärztlich abgeklärt. Selbstbeobachtung ersetzt diese Abklärung nicht.


Typische Fehlannahmen

  • Wer auf seinen Körper hört, weiß genau, was in ihm vorgeht
  • Ein starkes Körpersignal fordert eine sofortige Reaktion
  • Die HRV zeigt mit einer Zahl, wie es um den Körper steht
  • Die Polyvagal-Theorie ist eine gesicherte Erklärung des Nervensystems

Der ersten Annahme widersprechen die Befunde von Sarah Garfinkel am deutlichsten. Das Gefühl, den eigenen Körper gut zu kennen, und die gemessene Genauigkeit dieser Wahrnehmung fallen auseinander. Körpersignale sind deshalb eine Auskunft, die geprüft werden kann, und keine Gewissheit.


Wo dieser Punkt weiterführt

Körpersignale lassen sich nur lesen, wenn die Aufmerksamkeit sich nach innen richtet. Wie sich der Fokus setzen und zurückholen lässt, beschreibt Aufmerksamkeit lenken.

Viele Körpersignale melden, ob Belastung und Erholung im Verhältnis stehen. Wie dieses Verhältnis funktioniert, zeigt Belastung und Erholung steuern.

Anspannung im Körper folgt oft einer Einschätzung der Lage. Warum Belastung mit einer Bewertung beginnt, erklärt Stress entsteht durch Bewertung.

Auch ein Verlangen nach Essen kann sich wie ein Körpersignal anfühlen. Was dahintersteckt, beschreibt Heißhunger: was hinter dem Verlangen steckt.


Der Körper meldet seinen Zustand.
Wer die Meldung prüft, statt ihr blind zu folgen, gewinnt eine Information.

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MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

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