Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Aufmerksamkeit lenken: der Ausgangspunkt der Selbstführung
Aufmerksamkeit lenken heißt, den Fokus bewusst auf einen Gegenstand zu richten, ihn dort zu halten und ihn zurückzuholen, wenn er abwandert.
Selbstführung beginnt an dieser Stelle, weil sich nur bearbeiten lässt, was bemerkt wird. Eine Bewertung, ein Gefühl oder ein Körpersignal, das unbemerkt bleibt, wirkt trotzdem, aber es steht keiner Entscheidung zur Verfügung.
Aufmerksamkeitslenkung ist damit keine Leistungstechnik, sondern die Voraussetzung für jede andere Form der Selbstbeobachtung.
Abwandernde Aufmerksamkeit: knapp jeder zweite Moment
Die Aufmerksamkeit wandert im Alltag in knapp der Hälfte aller Momente von der aktuellen Tätigkeit ab.
Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert, Psychologen an der Harvard University, fragten dafür über eine Smartphone-App rund 2.250 Erwachsene zu zufälligen Zeitpunkten, was sie gerade tun und woran sie denken. In 46,9 Prozent der Stichproben waren die Gedanken woanders. Wenn die Gedanken abschweiften, gaben die Befragten im Mittel eine schlechtere Stimmung an, auch bei angenehmen Tätigkeiten.
Die Studie ist korrelativ und beruht auf Selbstauskünften. Sie zeigt nicht, dass das Abschweifen die Stimmung senkt, sondern dass beides zusammen auftritt. Belastbar ist vor allem die Größenordnung: Abwandern ist der Normalzustand der Aufmerksamkeit, nicht die Ausnahme.
Präsenz: Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment
Präsenz bezeichnet eine Aufmerksamkeit, die beim gegenwärtigen Geschehen bleibt, statt in Planung oder Erinnerung abzuwandern.
Jon Kabat-Zinn, Molekularbiologe, gründete 1979 an der University of Massachusetts eine Klinik, aus deren Programm die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) hervorging. In Wherever You Go, There You Are (1994) beschreibt er Achtsamkeit als eine bestimmte Art, aufmerksam zu sein: absichtsvoll, im gegenwärtigen Moment und ohne zu urteilen (Übersetzung hier).
Die drei Bestandteile lassen sich trennen. Absichtsvoll meint gelenkt statt gezogen. Im gegenwärtigen Moment meint beim Geschehen statt bei seiner Deutung. Ohne zu urteilen meint: bemerken, bevor bewertet wird. Präsenz ist in diesem Sinn Aufmerksamkeitslenkung mit einem bestimmten Ziel.
Was Achtsamkeitsprogramme für die Aufmerksamkeit belegen
Für eine Verbesserung der Aufmerksamkeit durch Meditationsprogramme ist die Studienlage bisher dünn.
Eine Übersichtsarbeit um Madhav Goyal von der Johns Hopkins University wertete 2014 in JAMA Internal Medicine 47 kontrollierte Studien mit 3.515 Teilnehmenden aus. Für einige Belastungsmaße fanden die Autoren kleine bis mittlere Effekte. Für die Aufmerksamkeit fanden sie keinen ausreichenden Beleg für eine Wirkung.
Das heißt nicht, dass Präsenz wirkungslos wäre. Es heißt, dass der verbreitete Satz, Meditation schärfe die Konzentration, in diesem Umfang nicht gedeckt ist. Aufmerksamkeitslenkung wird hier deshalb als Fähigkeit beschrieben, nicht als Ergebnis eines Programms.
Was Gerald Hüther über Aufmerksamkeit und Gehirn sagt
Gerald Hüther, Neurobiologe und Autor populärer Sachbücher, verbindet die Frage, worauf jemand seine Aufmerksamkeit richtet, mit der Entwicklung des Gehirns.
Sein bekanntester Satz, zitiert 2011 in der Ärzte Zeitung: Das Hirn werde nicht so, wie man es benutzt, sondern so, wie man es mit Begeisterung benutzt. Dahinter steht der gesicherte Befund, dass Nutzung das Gehirn verändert, die sogenannte Neuroplastizität.
Die Zuspitzung auf Begeisterung ist dagegen eine populäre Deutung, keine geprüfte Aussage. Eine Studie, die genau diese Formel testet, ist nicht bekannt. Hüther steht hier deshalb als Stimme der Debatte, nicht als Beleg.
Was Aufmerksamkeitslenkung nicht ist
Aufmerksamkeitslenkung ist nicht gleichzusetzen mit:
- dauerhafter Konzentration ohne Unterbrechung
- dem Unterdrücken unerwünschter Gedanken
- einer Entspannungstechnik
- Multitasking-Kompetenz
Der zweite Punkt wird am häufigsten verwechselt. Lenken heißt, einen Gedanken zu bemerken und den Fokus woandershin zu setzen. Unterdrücken heißt, den Gedanken nicht haben zu wollen. Das erste ist eine Bewegung der Aufmerksamkeit, das zweite ein Kampf mit ihrem Inhalt.
Typische Fehlannahmen
- Gute Aufmerksamkeit wandert nicht ab
- Präsenz bedeutet, keine Gedanken zu haben
- Achtsamkeitsprogramme verbessern nachweislich die Konzentration
- Fokus ist eine Frage der Willenskraft
Die erste Annahme widerspricht den Daten von Killingsworth und Gilbert am deutlichsten. Wenn die Aufmerksamkeit in fast jedem zweiten Moment abwandert, liegt die Fähigkeit nicht im Nicht-Abwandern, sondern im Bemerken und Zurückholen.
Wo dieser Punkt weiterführt
Aufmerksamkeit kann sich auch nach innen richten, auf Herzschlag, Atmung oder Anspannung. Diese Wahrnehmung des eigenen Körperzustands heißt Interozeption. A. D. Craig beschrieb sie 2002 in Nature Reviews Neuroscience als Sinn für den physiologischen Zustand des Körpers. Wie sich Körpersignale als Information nutzen lassen, beschreibt Körpersignale als Führungsinformation.
Was die Aufmerksamkeit über die eigene Person zutage fördert und was ihr entgeht, beschreibt Selbstwahrnehmung und Fremdbild.
Richtet sich die Aufmerksamkeit auf das eigene Denken, entsteht die Frage, ob sie prüft oder kreist: Metakognition oder Grübeln.
Aufmerksamkeit wandert.
Bemerken, dass sie wandert, ist der Anfang.
Zurück zur Übersicht: Bewusstsein & Wahrnehmung
