Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Stress entsteht durch Bewertung: was der Satz bedeutet
Stress entsteht nach dem transaktionalen Stressmodell nicht durch eine Lage allein, sondern durch die Bewertung dieser Lage im Verhältnis zu den eigenen Möglichkeiten.
Dieselbe Anforderung kann deshalb die eine Person stark belasten und die andere kaum berühren. Entscheidend ist, ob jemand die Lage als bedeutsam einschätzt und ob er meint, ihr gewachsen zu sein.
Diese Notiz behandelt Stress als Frage der Selbstregulation. Wer weiß, an welcher Stelle eine Bewertung entsteht, kann diese Stelle bemerken, statt nur die Belastung zu spüren.
Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus
Das transaktionale Stressmodell beschreibt Stress als Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umwelt, die die Person als fordernd oder überfordernd bewertet.
Richard Lazarus, Psychologe an der University of California in Berkeley, und Susan Folkman legten das Modell 1984 in ihrem Buch Stress, Appraisal, and Coping vor (Springer, New York, ISBN 978-0-8261-4191-0). Transaktional heißt: Stress liegt weder nur in der Lage noch nur in der Person, sondern in der Beziehung zwischen beiden. Lazarus zeichnete 1993 im Annual Review of Psychology nach, wie sich dieser Blick in seiner Forschung entwickelt und später auf die Emotionen ausgeweitet hat.
Ralf Schwarzer, Gesundheitspsychologe an der Freien Universität Berlin, hält in einer Übersicht fest, dass sich das Modell als Ganzes empirisch nicht prüfen lässt. Es dient als Rahmen, aus dem sich prüfbare Annahmen für einzelne Teile ableiten lassen.
Primäre und sekundäre Bewertung: zwei Fragen an eine Lage
Das transaktionale Stressmodell unterscheidet zwei Bewertungen: die primäre fragt, was eine Lage bedeutet, die sekundäre fragt, was sich mit ihr anfangen lässt.
In der primären Bewertung erscheint eine Lage als unwichtig, als günstig oder als belastend. Belastend kann sie auf drei Arten sein: als Schaden oder Verlust, der schon eingetreten ist, als Bedrohung, die bevorsteht, oder als Herausforderung, die eine Chance enthält. Die sekundäre Bewertung prüft die eigenen Möglichkeiten, also Fähigkeiten, Unterstützung durch andere und verfügbare Mittel.
Lazarus und Folkman nennen das, was danach folgt, Coping: problembezogen, wenn es die Lage selbst verändert, emotionsbezogen, wenn es den Umgang mit dem eigenen Erleben betrifft. Beide Bewertungen laufen nach Schwarzer nicht in fester Reihenfolge ab und können sich mit der Zeit ändern.
Die Stressampel von Gert Kaluza: drei Ebenen von Stress
Die Stressampel ordnet Stress auf drei Ebenen: die Stressoren von außen, die persönlichen Stressverstärker und die Stressreaktion.
Gert Kaluza, Gesundheitspsychologe am GKM-Institut für Gesundheitspsychologie in Marburg, stellt die Stress-Ampel in seinem Trainingsmanual Stressbewältigung (Springer, 2018) als einfaches Rahmenkonzept vor. Zu den Stressoren zählt er kritische Lebensereignisse, Belastungen bei der Arbeit und im Alltag. Als persönliche Stressverstärker beschreibt er eigene Motive, Einstellungen und Bewertungen. Die dritte Ebene ist die körperliche Stressreaktion.
Die mittlere Ebene entspricht weitgehend der Bewertung bei Lazarus. Sie ist die Stelle, an der dieselbe Anforderung bei verschiedenen Menschen verschieden stark wirkt.
Hans Selye: Stress als Antwort des Körpers
Hans Selye beschrieb die Antwort des Körpers auf Belastung als gleichförmiges Muster, ohne die Bewertung der Lage einzubeziehen.
Selye, Mediziner an der McGill University in Montreal, berichtete 1936 in Nature, dass Ratten auf ganz verschiedene schädliche Reize, etwa Kälte, Verletzung oder übermäßige Anstrengung, mit demselben Muster körperlicher Veränderungen reagierten. Dieses Muster nannte er später das Allgemeine Anpassungssyndrom.
Das Modell von Selye ist reizorientiert: Es fragt, was eine Belastung im Körper auslöst. Lazarus ergänzte die Frage, warum dieselbe Belastung bei Menschen verschieden stark wirkt, und fand die Antwort in der Bewertung.
Was Stress durch Bewertung nicht ist
Stress durch Bewertung ist nicht gleichzusetzen mit:
- eingebildetem Stress
- einer Belastung, die sich durch bloßes Umdenken auflöst
- Stress ohne äußere Anforderung
- einer bewusst gewählten Haltung
Das Modell beschreibt einen Vorgang, keine Schuld. Wer eine Lage als bedrohlich bewertet, tut das aus guten Gründen oder aus Gewohnheit, und beides lässt sich untersuchen.
Anhaltende Anspannung, Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt. Diese Notiz erklärt einen psychologischen Vorgang und ersetzt keine Abklärung.
Typische Fehlannahmen
- Stress entsteht durch zu viel Arbeit
- Wer gestresst ist, bewertet falsch
- Stress ist immer schädlich
- Gelassenheit heißt, nichts als belastend zu bewerten
Der zweiten Annahme widerspricht das transaktionale Stressmodell am deutlichsten. Es beschreibt die Bewertung als Einschätzung von Bedeutung und Möglichkeiten, nicht als richtig oder falsch. Eine Lage als Bedrohung zu bewerten, kann zutreffen.
Wo dieser Punkt weiterführt
Die Bewertung als Mechanismus verbindet das transaktionale Stressmodell mit dem ABC-Modell von Albert Ellis: Auch dort liegt zwischen Ereignis und Reaktion eine Bewertung. Diesen Schritt beschreibt Bewertung als Zwischenschritt.
Ob eine Anforderung auf Dauer trägt oder zermürbt, hängt auch an der Erholung, die ihr folgt. Diesen Zusammenhang beschreibt Belastung und Erholung steuern.
Die Stressreaktion meldet sich zuerst im Körper. Wie sich solche Signale als Auskunft über den eigenen Zustand lesen lassen, zeigt Körpersignale als Führungsinformation.
Stress beginnt mit einer Einschätzung.
Wer die Einschätzung bemerkt, hat einen Ansatzpunkt.
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