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07. Oktober 20265 Minvon Marco Kogler

Das ABC-Modell: warum nicht Ereignisse wirken, sondern Bewertungen

Das ABC-Modell von Albert Ellis beschreibt, wie zwischen Ereignis und Reaktion eine Bewertung liegt, und warum genau diese Bewertung den Unterschied macht.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Zwischen Ereignis und Reaktion liegt eine Bewertung

Das ABC-Modell beschreibt, dass zwischen einem Ereignis und der Reaktion darauf eine dritte Größe steht: die Bewertung des Ereignisses.

Albert Ellis, ein US-amerikanischer Psychologe, entwickelte ab 1955 den Ansatz, der später Rational-Emotive Verhaltenstherapie genannt wurde. 1955 ist dabei Ellis' eigene Datierung seines Praxisbeginns; veröffentlicht hat er den Ansatz erstmals 1958, und den Namen trägt er erst seit 1993. Das ABC-Modell stammt von Ellis selbst, benannt hat er es in den Folgejahren. Ellis beobachtete, dass Menschen auf dasselbe Ereignis unterschiedlich reagieren, und dass der Unterschied nicht im Ereignis liegt, sondern in dem, was sie darüber annehmen.

Das Modell ist keine Methode.
Es ist eine Beschreibung dessen, was ohnehin geschieht.


Was das ABC-Modell beschreibt

Das ABC-Modell gliedert einen Ablauf in drei Schritte, die Ellis mit den ersten drei Buchstaben des Alphabets bezeichnete.

A: Activating Event. Das auslösende Ereignis. Eine Absage, eine Bemerkung, ein Termin, der platzt.

B: Belief. Die Annahme über dieses Ereignis. Was es bedeutet, was es über die eigene Person aussagt, was daraus folgt.

C: Consequence. Die Folge: Gefühl, körperliche Reaktion, Handlung.

Der Kern des Modells liegt darin, dass C nicht aus A folgt, sondern aus B. Zwei Menschen erhalten dieselbe Absage. Der eine liest darin eine sachliche Entscheidung, der andere ein Urteil über seine Fähigkeiten. Die Absage ist identisch. Die Folge ist es nicht.

Ellis nannte B den einzigen Punkt der Kette, der einer Überprüfung zugänglich ist. Das Ereignis ist geschehen, die Reaktion hat bereits eingesetzt. Die Annahme dazwischen lässt sich betrachten.

Das ABC-Modell in drei Schritten: A Ereignis, B Bewertung, C Folge. Hervorgehoben ist B, die Bewertung, als einziger Punkt, der sich prüfen lässt.
C folgt nicht aus A, sondern aus B.

Woher der Gedanke stammt

Der Grundgedanke des ABC-Modells ist rund 1.900 Jahre älter als Ellis.

Epiktet, ein griechischer Philosoph der stoischen Schule, lehrte um 100 nach Christus: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern die Meinungen über die Dinge." Der Satz steht im fünften Kapitel des Encheiridion, einem antiken Auszug aus den Lehrgesprächen, die Epiktets Schüler Arrian aufgezeichnet hat. Epiktet selbst hat nichts geschrieben. Ellis hat diese Herkunft benannt und den Satz zum Ausgangspunkt seines Modells erklärt.

Die Verbindung ist mehr als eine Fußnote. Sie zeigt, dass es hier nicht um eine psychologische Technik geht, sondern um eine Beobachtung über die Struktur von Erfahrung, und zwar eine, die über sehr lange Zeit stabil geblieben ist.


Bedeutungszuschreibung: was auf der B-Ebene geschieht

Auf der B-Ebene geschieht eine Bedeutungszuschreibung: Ein Ereignis wird in einen Zusammenhang eingeordnet, aus dem sich sein Gewicht ergibt.

Diese Zuordnung läuft in aller Regel unbemerkt ab. Sie fühlt sich nicht wie eine Deutung an, sondern wie eine Wahrnehmung. Das Ereignis scheint die Bedeutung mitzubringen, statt sie zugewiesen zu bekommen.

Ellis unterschied dabei zwischen Annahmen, die sich an der Sache orientieren, und solchen, die absolut formuliert sind, erkennbar an Wörtern wie immer, nie, muss, darf nicht. Nicht der Inhalt entscheidet über die Wirkung, sondern die Absolutheit. Eine Annahme, die keine Ausnahme zulässt, lässt auch keine Handlungsmöglichkeit offen.

Bedeutungszuschreibung ist damit kein Fehler, den es abzustellen gilt. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Ereignisse überhaupt einordbar werden.


Was das ABC-Modell nicht ist

Das ABC-Modell ist nicht gleichzusetzen mit:

  • positivem Denken
  • Umdeutung ins Angenehme
  • der Aufforderung, Gefühle zu kontrollieren
  • einer Technik zur Problemlösung

Ellis hat sich zeitlebens gegen die Gleichsetzung mit positivem Denken gewehrt. Sein Modell ersetzt eine Annahme nicht durch eine freundlichere, sondern prüft sie auf ihre Haltbarkeit. Eine Annahme, die einer Überprüfung standhält, bleibt bestehen, auch wenn sie unangenehm ist.

Das Modell macht auch keine Aussage darüber, ob ein Gefühl berechtigt ist. Es beschreibt lediglich, woher es kommt.


Warum Bewertungen sich anfühlen wie Wahrnehmungen

Bewertungen laufen schneller ab als Wahrnehmungen bewusst verarbeitet werden, und genau darin liegt der Grund, warum sie unbemerkt bleiben.

Daniel Kahneman, 2002 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet, beschrieb 2011 in Thinking, Fast and Slow zwei Verarbeitungsweisen, auf deutsch 2012 als Schnelles Denken, langsames Denken: System 1 arbeitet schnell, automatisch und ohne Anstrengung. System 2 arbeitet langsam, prüfend und kostet Aufwand. Die Bezeichnungen stammen nicht von Kahneman, sondern von Keith Stanovich und Richard West, was Kahneman in seiner Preisvorlesung selbst festhält. Bewertungen entstehen in System 1. Ihre Überprüfung wäre Aufgabe von System 2, die nur einsetzt, wenn etwas sie anstößt.

Daraus folgt eine praktische Konsequenz: Eine Bewertung wird nicht dadurch sichtbar, dass man genauer hinschaut. Sie wird sichtbar, wenn zwischen A und C ein Abstand entsteht. Das Modell nennt diesen Abstand nicht Technik, sondern Voraussetzung.

Abwägung im engeren Sinn, das Prüfen mehrerer Deutungen gegeneinander, ist erst ab diesem Punkt möglich.


Typische Fehlannahmen

  • Das ABC-Modell behauptet, Ereignisse seien bedeutungslos
  • Wer seine Bewertungen kennt, kann sie abstellen
  • Rationale Annahmen fühlen sich besser an als irrationale
  • Das Modell erklärt, warum jemand so denkt, wie er denkt

Der letzte Punkt wird am häufigsten verwechselt. Das ABC-Modell beschreibt die Struktur einer Reaktion, nicht ihre Herkunft. Woher eine bestimmte Annahme stammt, ist eine andere Frage, und eine, die das Modell offen lässt.

Ebenso verbreitet ist die Erwartung, das Erkennen einer Bewertung verändere sie. Der Bestätigungsfehler wirkt in die Gegenrichtung: Eine einmal gefasste Annahme filtert vor, welche Informationen ihr überhaupt begegnen.


Wo dieser Punkt weiterführt

Die Frage, welche Annahmen sich in einem Menschen dauerhaft eingerichtet haben, führt zu den Glaubenssätzen und ihrer Überprüfung. Ellis' B-Ebene beschreibt den Mechanismus; Glaubenssätze sind seine verfestigte Form.

Derselbe Mechanismus wirkt im Umgang mit Belastung. Richard Lazarus hat unabhängig von Ellis gezeigt, dass Stress durch Bewertung entsteht, nicht durch die Anforderung selbst. Das beschreibt die Notiz Stress entsteht durch Bewertung.

Wie stabil jemand seine eigenen Fähigkeiten einschätzt, gehört zum Selbstbild und folgt einer eigenen Logik.


Bewertungen lassen sich nicht abschalten.
Sie lassen sich betrachten.

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MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

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