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07. Oktober 20265 Minvon Marco Kogler

Glaubenssätze erkennen und überprüfen

Ein Glaubenssatz ist eine Annahme über sich selbst, die nicht mehr geprüft wird. Woran sich Glaubenssätze erkennen lassen, und was Überprüfen bedeutet.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Eine Annahme, die nicht mehr überprüft wird

Ein Glaubenssatz ist eine Annahme über sich selbst, andere Menschen oder die Welt, die einmal gebildet und seither nicht mehr überprüft wurde.

Der Unterschied zu einer gewöhnlichen Meinung liegt nicht im Inhalt, sondern im Status. Eine Meinung wird als Meinung erlebt. Ein Glaubenssatz wird als Tatsache erlebt.

Genau deshalb fällt er nicht auf.


Was einen Glaubenssatz ausmacht

Ein Glaubenssatz ist die verfestigte Form dessen, was Albert Ellis in seinem ABC-Modell die B-Ebene nannte: die Bewertung zwischen Ereignis und Reaktion. Während eine einzelne Bewertung situationsgebunden bleibt, gilt ein Glaubenssatz über Situationen hinweg.

Drei Merkmale unterscheiden ihn von einer gewöhnlichen Annahme.

Er ist absolut formuliert. Erkennbar an Wörtern wie immer, nie, muss, darf nicht, nur wenn. Eine Annahme, die keine Ausnahme zulässt, wird durch Gegenbeispiele nicht erschüttert. Das Gegenbeispiel erscheint als Ausnahme, nicht als Widerlegung.

Er ist nicht auf Prüfung angelegt. Ein Glaubenssatz trifft keine Aussage, die sich falsifizieren ließe. „Ich bin nicht gut genug" nennt keinen Maßstab, an dem sich das feststellen ließe.

Er ist selbstbestätigend. Der Bestätigungsfehler sorgt dafür, dass Informationen, die zum Glaubenssatz passen, stärker gewichtet werden als solche, die ihm widersprechen. Der Glaubenssatz produziert damit laufend Belege für sich selbst.


Wie Glaubenssätze entstehen

Glaubenssätze entstehen durch Wiederholung, nicht durch einzelne Ereignisse.

Eine Annahme, die sich in einer Situation als brauchbar erwiesen hat, wird in der nächsten wieder angewendet. Bewährt sie sich erneut, verliert sie ihren Prüfstatus. Nach hinreichend vielen Wiederholungen erscheint sie nicht mehr als etwas, das man denkt, sondern als etwas, das der Fall ist.

Ablauf in vier Schritten: Eine Annahme erweist sich als brauchbar, wird wieder angewendet, verliert ihren Prüfstatus und erscheint als Tatsache; hervorgehoben ist der Verlust des Prüfstatus.
Glaubenssätze entstehen durch Wiederholung, nicht durch einzelne Ereignisse.

Dieser Vorgang ist funktional. Ohne ihn müsste jede Situation neu bewertet werden. Der Preis dafür ist, dass auch Annahmen bestehen bleiben, deren ursprünglicher Anlass längst entfallen ist.

Die Frage nach der Herkunft eines einzelnen Glaubenssatzes ist damit weniger aufschlussreich, als sie wirkt. Aufschlussreicher ist die Frage, unter welchen Bedingungen er heute noch gilt.


Die inneren Antreiber: fünf wiederkehrende Muster

Taibi Kahler, ein US-amerikanischer Psychologe aus der Transaktionsanalyse, beschrieb fünf Antreiber, die er in seiner therapeutischen Arbeit immer wieder beobachtete. Veröffentlicht hat er sie 1974 zusammen mit Hedges Capers und 1975 ausführlich:

  • Sei perfekt
  • Mach schnell
  • Streng dich an
  • Sei gefällig
  • Sei stark

Jeder dieser Antreiber trägt eine Bedingung in sich. Er sagt nicht, wie etwas gut gelingt, sondern unter welcher Voraussetzung jemand in Ordnung ist. „Sei stark" heißt nicht sei belastbar, sondern zeige keine Belastung.

Kahlers Antreiber sind keine Diagnose und kein Persönlichkeitstyp. Sie sind Muster, die in Sprache erkennbar werden, an Wortwahl, Satzbau und Tempo, lange bevor jemand über seine Annahmen spricht. In der deutschsprachigen Weiterbildung sind sie als Selbsteinschätzung verbreitet, unter anderem bei Krankenkassen und in Resilienztrainings.

Für die Selbstführung ist an ihnen vor allem eines nützlich: Sie machen einen Glaubenssatz an seiner Funktion erkennbar, nicht an seinem Inhalt.


Erwartungshaltung: der Glaubenssatz in Zukunftsform

Eine Erwartungshaltung ist ein Glaubenssatz, der sich auf etwas richtet, das noch nicht eingetreten ist.

Robert K. Merton, ein amerikanischer Soziologe, prägte dafür 1948 in der Zeitschrift The Antioch Review den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung: eine zunächst falsche Annahme, die durch das Verhalten, das sie auslöst, wahr wird. Robert Rosenthal und Lenore Jacobson zeigten diesen Mechanismus 1968 in einer Schulstudie. Lehrkräfte, denen man von besonderem Potenzial einzelner Kinder berichtet hatte, veränderten ihr Verhalten gegenüber diesen Kindern, und die Leistungen entwickelten sich entsprechend. Die Ausgangsangabe war zufällig gewählt.

Dieser Befund ist seither vielfach diskutiert und in seiner Stärke deutlich relativiert worden. Die Originalstudie zeigte den Effekt im Wesentlichen nur in den ersten beiden Klassenstufen, und Wiederholungsstudien fielen gemischt aus. Nach heutigem Forschungsstand sind Erwartungseffekte von Lehrkräften vorhanden, aber klein, und sie summieren sich über Jahre kaum auf; ein erheblicher Teil des Zusammenhangs zwischen Erwartung und Leistung beruht darauf, dass die Erwartung einfach zutrifft. Der Mechanismus selbst ist unbestritten: Eine Erwartung verändert Verhalten, und verändertes Verhalten verändert Ergebnisse. Bestritten ist, wie weit er trägt.

Daraus folgt, dass sich Erwartungshaltungen nicht am Ergebnis überprüfen lassen. Das Ergebnis ist bereits durch sie mitgeprägt.


Was Überprüfen bedeutet, und was nicht

Der verbreitete Begriff für die Arbeit an Glaubenssätzen ist auflösen. Er ist irreführend.

Überprüfen heißt: eine Annahme in eine Form bringen, in der sie prüfbar wird, und dann feststellen, ob sie standhält. Eine Annahme, die standhält, bleibt bestehen, auch wenn sie unangenehm ist. Eine, die nicht standhält, wird durch eine genauere ersetzt, nicht durch eine freundlichere.

Nicht gemeint sind damit:

  • das Ersetzen negativer Sätze durch positive
  • das Wiederholen von Affirmationen
  • das Auflösen im Sinne von Beseitigen
  • die Behandlung eines seelischen Zustands

Der Unterschied lässt sich an einem Beispiel zeigen. „Ich bin nicht gut genug" ist nicht prüfbar. „Ich habe in den letzten drei Projekten die Anforderungen nicht erfüllt" ist prüfbar, und führt entweder zu einer Korrektur der Annahme oder zu einer konkreten Handlung. Ellis nannte das den Übergang von einer absoluten zu einer sachbezogenen Formulierung.


Typische Fehlannahmen

  • Glaubenssätze sind grundsätzlich negativ
  • Wer einen Glaubenssatz erkennt, ist ihn los
  • Positive Glaubenssätze wirken wie negative, nur in die andere Richtung
  • Ein Glaubenssatz stammt immer aus der Kindheit

Der zweite Punkt ist der folgenreichste. Das Erkennen verändert den Status einer Annahme: sie wird wieder als Annahme sichtbar. Ihre Wirkung verändert es nicht. Zwischen dem Erkennen und dem Nachlassen liegt in der Regel eine Phase, in der beides gleichzeitig besteht: das Wissen um den Glaubenssatz und seine unveränderte Wirkung.

Diese Phase wird häufig als Scheitern gedeutet. Sie ist der Normalfall.


Wo dieser Punkt weiterführt

Der Mechanismus, aus dem Glaubenssätze hervorgehen, ist in Bewertung als Zwischenschritt beschrieben. Ellis' B-Ebene ist die bewegliche Form; der Glaubenssatz ist ihre verfestigte.

Welche Annahmen jemand über die eigene Veränderbarkeit trifft, gehört zum Selbstbild, und entscheidet mit darüber, ob eine Überprüfung überhaupt in Betracht kommt.

Der Schritt von der Feststellung zur Handlung ist Gegenstand von Reflexion und Verantwortungsübernahme.


Ein Glaubenssatz verschwindet nicht dadurch, dass er benannt wird.
Er verliert seinen Status als Tatsache.

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MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

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