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07. Oktober 20264 Minvon Marco Kogler

Selbstbild: statisch oder entwickelbar

Das Selbstbild ist die Annahme darüber, wer man ist und was sich daran ändern lässt. Warum diese Annahme mitbestimmt, welche Erfahrungen möglich werden.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Die Annahme darüber, wer man ist

Das Selbstbild ist die Gesamtheit der Annahmen, die ein Mensch über sich selbst trifft, über seine Eigenschaften, seine Fähigkeiten und darüber, was sich davon ändern lässt.

Der letzte Teil ist der folgenreichste. Nicht der Inhalt des Selbstbilds entscheidet über seine Wirkung, sondern die Frage, ob es als feststehend oder als veränderbar behandelt wird.

Ein Selbstbild ist keine Beschreibung.
Es ist eine Annahme mit dem Status einer Beschreibung.


Was das Selbstbild umfasst

Das Selbstbild, in der Psychologie meist als Selbstkonzept bezeichnet, ist kein einzelnes Urteil, sondern ein Bündel bereichsbezogener Annahmen.

Jemand kann sich im beruflichen Bereich für kompetent halten und im körperlichen für ungeschickt, ohne dass beides in Widerspruch gerät. Die Bereiche sind weitgehend unabhängig voneinander und werden unterschiedlich stark verteidigt.

Stabil ist dabei nicht der Inhalt, sondern die Struktur: Welche Bereiche jemand für zentral hält, ändert sich über Jahre kaum. Was er in ihnen über sich annimmt, kann sich mehrfach ändern, ohne dass die Gewichtung mitwandert.


Dwecks Unterscheidung: fest oder veränderbar

Carol Dweck, Psychologin an der Stanford University, fasste 2006 in einem Buch zusammen, was sie seit 1988 als Theorie formuliert hatte, und unterschied zwei Grundannahmen über Fähigkeiten: die Annahme, Fähigkeiten seien im Wesentlichen festgelegt (im Englischen fixed mindset), und die Annahme, sie ließen sich durch Anstrengung entwickeln (growth mindset). Im Deutschen erschien ihr Buch dazu unter dem Titel Selbstbild.

Der Unterschied zeigt sich nicht in guten Zeiten, sondern im Umgang mit Misserfolg. Wer Fähigkeiten für festgelegt hält, liest einen Rückschlag als Auskunft über die eigene Grenze. Wer sie für entwickelbar hält, liest ihn als Auskunft über den bisherigen Weg.

Vergleich zweier Grundannahmen über Fähigkeiten: festgelegt (Fixed Mindset), bei dem ein Rückschlag als Grenze gelesen wird, und entwickelbar (Growth Mindset), bei dem er als Auskunft über den bisherigen Weg gilt; die entwickelbare Sicht ist hervorgehoben.
Der Unterschied zeigt sich nicht in guten Zeiten, sondern im Umgang mit Misserfolg.

Zur Einordnung: Dwecks Modell ist populär und zugleich fachlich umstritten. Metaanalysen von Victoria Sisk und Kollegen (2018) sowie von Brooke Macnamara und Alexander Burgoyne (2023) fanden über viele Studien hinweg nur sehr kleine Effekte von Mindset-Interventionen auf Leistung, deutlich kleiner als die Popularität des Konzepts nahelegt. Im selben Heft widersprachen zwei Arbeiten dieser Einordnung und fanden bei klar umgrenzten Zielgruppen und sauberer Umsetzung kleine, aber bedeutsame Effekte. Der Streit ist offen, und er betrifft weniger die Zahlen als die Frage, für wen sie gelten. Als Beschreibung zweier Deutungsmuster bleibt die Unterscheidung brauchbar. Als Programm, das durch Umdeutung Leistung erzeugt, trägt sie die Erwartungen nicht, die an sie gestellt werden.


Identitätskonzept: was als unverhandelbar gilt

Das Identitätskonzept ist der Teil des Selbstbilds, den jemand nicht zur Disposition stellt.

Hier liegen die Annahmen, die nicht als Annahmen erscheinen, sondern als Person: So bin ich nun mal. Wer diesen Satz sagt, formuliert keine Beobachtung, sondern zieht eine Grenze, und zwar dort, wo Veränderung als Bedrohung der eigenen Kontinuität erlebt würde.

Das Identitätskonzept erfüllt damit eine Funktion. Es hält fest, was über Situationen hinweg gleich bleiben soll, und macht damit Handeln über die Zeit hinweg erwartbar.

Problematisch wird es nicht durch seine Existenz, sondern durch seine Ausdehnung. Je mehr Bereiche jemand für unverhandelbar erklärt, desto weniger Spielraum bleibt für Korrektur.


Was das Selbstbild nicht ist

Das Selbstbild ist nicht gleichzusetzen mit:

  • Selbstwert: die Frage, ob jemand sich für wertvoll hält
  • Selbstbewusstsein im Sinne von Auftreten
  • Selbstvertrauen in einer bestimmten Aufgabe
  • dem Bild, das andere von jemandem haben

Die letzte Unterscheidung ist die schwierigste. Selbstbild und Fremdbild fallen regelmäßig auseinander. Der Abgleich zwischen beiden ist ein eigenes Thema: Selbstwahrnehmung und Fremdbild.

Ein Selbstbild kann außerdem zutreffend sein und trotzdem einschränken, wenn es als endgültig behandelt wird.


Warum das Selbstbild Rückmeldung vorsortiert

Das Selbstbild entscheidet mit, welche Rückmeldung überhaupt ankommt.

Der Bestätigungsfehler wirkt hier besonders stark: Information, die zum bestehenden Selbstbild passt, wird als zutreffend eingeordnet; widersprechende Information als Ausnahme, Zufall oder Missverständnis. Das Selbstbild prüft sich damit nicht an der Erfahrung. Es filtert die Erfahrung vor.

Joseph Luft und Harrington Ingham stellten 1955 mit dem Johari-Fenster genau diese Lücke dar: den Bereich, den andere an einer Person wahrnehmen, sie selbst aber nicht. Dieser Bereich schließt sich nicht durch Nachdenken, sondern nur durch Rückmeldung von außen, und auch dann nur, wenn das Selbstbild sie zulässt.


Typische Fehlannahmen

  • Ein positives Selbstbild ist besser als ein realistisches
  • Wer sein Selbstbild ändert, ändert damit seine Fähigkeiten
  • Das Selbstbild ist das Ergebnis der bisherigen Erfahrungen
  • Growth Mindset heißt, sich alles zuzutrauen

Die dritte Annahme kehrt die Richtung um. Erfahrungen bilden das Selbstbild, aber das Selbstbild bestimmt zugleich mit, welche Erfahrungen jemand überhaupt sucht und wie er sie deutet. Beides wirkt aufeinander, und keine der beiden Richtungen ist die ursprüngliche.

Die vierte Annahme verwechselt Offenheit mit Selbstüberschätzung. Dwecks Unterscheidung betrifft die Frage, ob Fähigkeiten sich entwickeln lassen, nicht die Frage, wie hoch sie gegenwärtig sind.


Wo dieser Punkt weiterführt

Die einzelnen Annahmen, aus denen sich ein Selbstbild zusammensetzt, sind in Glaubenssätze erkennen und überprüfen beschrieben. Das Selbstbild ist ihre gebündelte Form.

Ob eine Annahme über sich selbst überprüft wird oder unbemerkt bleibt, entscheidet sich in Reflexion und Verantwortungsübernahme.

Wie weit Selbst- und Fremdbild auseinanderliegen, zeigt sich erst im Abgleich mit dem, was andere wahrnehmen.


Ein Selbstbild lässt sich nicht durch Zustimmung verändern.
Nur durch Erfahrungen, die es nicht vorhergesehen hat.

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MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

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Die Selbstklärung dauert wenige Minuten. Sie gibt Dir eine Richtung, wo dieser Beitrag Dir im Alltag weiterhilft.

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