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12. Oktober 20264 Minvon Marco Kogler

Sinn finden: warum Sinn gefunden und nicht erfunden wird

Sinn finden heißt nach Viktor Frankl, die wertvollste Möglichkeit einer Situation zu erkennen. Die drei Wege zum Sinn und was die Forschung dazu misst.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Sinn finden: die wertvollste Möglichkeit einer Situation

Sinn finden heißt nach Viktor Frankl, in einer konkreten Situation die Möglichkeit zu erkennen, die für die eigene Person am wertvollsten ist.

Viktor Frankl, Wiener Psychiater und Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, führte diesen Begriff 1946 in seinem Buch Ärztliche Seelsorge (Deuticke, Wien) aus. Das Lexikon der Psychologie fasst zusammen: Frankl sah im Streben nach Sinn, dem Willen zum Sinn, die tiefste Motivation des Menschen und stellte es vor das Streben nach Lust bei Freud und den Willen zur Macht bei Adler. Weil Sinn an die jeweilige Situation gebunden ist, ist er nach Frankl grundsätzlich in jeder Lebenslage auffindbar.

Sinn ist in diesem Verständnis keine Antwort, die jemand sich ausdenkt. Er liegt in der Situation und wird dort entdeckt.


Die drei Wege zum Sinn nach Viktor Frankl

Viktor Frankl unterschied drei Wege, auf denen Menschen Sinn finden: durch schöpferische Werte, durch Erlebniswerte und durch Einstellungswerte.

Schöpferische Werte entstehen, wenn jemand durch eine Handlung oder ein Werk etwas Wertvolles in die Welt gibt. Erlebniswerte entstehen, wenn jemand etwas Wertvolles aus der Welt aufnimmt, etwa in einer Begegnung oder in der Natur. Einstellungswerte entstehen dort, wo sich eine Lage nicht ändern lässt: in der Haltung, die jemand gegenüber unabänderlichem Leid einnimmt. Das Lexikon der Psychologie ordnet diese drei Kategorien als Weiterführung der Wertelehre von Max Scheler ein.

Drei Spalten mit Frankls Wegen zum Sinn: schöpferische Werte, Erlebniswerte und Einstellungswerte; die Einstellungswerte sind hervorgehoben
Sinn ist nicht an Leistung gebunden: Auch wer nichts tun kann, behält die Einstellung.

Die drei Wege zeigen, dass Sinn nicht an Leistung gebunden ist. Auch wer nichts tun kann, behält mit der Einstellung einen Weg.


Kohärenzgefühl: Bedeutsamkeit bei Aaron Antonovsky

Bedeutsamkeit heißt bei Aaron Antonovsky das Erleben, dass sich der Einsatz für eine Aufgabe lohnt, weil sie einem etwas bedeutet.

Aaron Antonovsky, Medizinsoziologe, beschrieb 1987 in seinem Buch Unraveling the Mystery of Health (Jossey-Bass, ISBN 978-1-55542-028-4) das Kohärenzgefühl mit drei Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit. Antonovsky fragte damit, warum manche Menschen unter Belastung gesund bleiben, und fand einen Teil der Antwort in dem Gefühl, dass das eigene Leben einen Zusammenhang hat.

Bedeutsamkeit ist bei Antonovsky die Komponente, die dem Sinnbegriff von Frankl am nächsten kommt. Sie beschreibt, ob jemand die Anforderungen des Lebens als etwas erlebt, das Einsatz verdient.


Stimmigkeit bei Friedemann Schulz von Thun

Stimmigkeit bezeichnet bei Friedemann Schulz von Thun eine zweifache Übereinstimmung: mit sich selbst und mit dem, was eine Situation verlangt.

Schulz von Thun, Kommunikationspsychologe an der Universität Hamburg, beschreibt den Begriff im dritten Band seiner Reihe Miteinander reden, Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation (Rowohlt, 1998, ISBN 978-3-499-60545-1). Sein Institut fasst das Ideal in zwei Wörtern zusammen: authentisch und situationsgerecht. Daraus folgt: Wer nur sich selbst folgt, verfehlt die Situation, und wer nur der Situation folgt, verliert sich selbst.

Stimmigkeit ergänzt den Sinnbegriff um eine praktische Prüffrage. Sinnvoll erlebt wird eher das, was zur eigenen Person und zur jeweiligen Aufgabe zugleich passt.


Sinn messen: das Vorhandensein und die Suche nach Sinn

Die Forschung trennt beim Sinnerleben zwei Dinge: ob jemand sein Leben als sinnvoll erlebt und ob jemand gerade nach Sinn sucht.

Michael Steger, Psychologe an der University of Minnesota, entwickelte mit Patricia Frazier, Shigehiro Oishi und Matthew Kaler den Meaning in Life Questionnaire. Die Autoren beschreiben 2006 im Journal of Counseling Psychology einen Fragebogen mit zehn Aussagen, der beides getrennt erfasst. Sie begründen ihn ausdrücklich damit, dass schwache Messverfahren die Forschung zum Sinn im Leben lange behindert haben.

Die Unterscheidung ist auch für die Frage nach dem Finden wichtig. Wer nach Sinn sucht, hat ihn nicht zwangsläufig verloren, und wer Sinn erlebt, kann trotzdem weiter suchen.


Was Sinn finden in dieser Notiz nicht ist

Sinn finden ist in dieser Notiz nicht gleichzusetzen mit:

  • dem Entdecken einer vorgegebenen Bestimmung
  • einer einmaligen Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens
  • einem dauerhaften Glücksgefühl
  • einer Methode, die zu einem bestimmten Ergebnis führt

Die Logotherapie ist eine Therapieform, deren Wirksamkeit diese Notiz nicht bewertet. Beschrieben wird hier nur Frankls Begriff von Sinn.

Sinnkrisen, die mit großem Leidensdruck, Hoffnungslosigkeit oder anhaltender Antriebslosigkeit verbunden sind, gehören in fachliche Begleitung durch Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.


Typische Fehlannahmen

  • Sinn ist etwas, das man sich selbst ausdenken muss
  • Sinn gibt es nur in großen Aufgaben
  • Wer nach Sinn sucht, hat keinen
  • Sinn lässt sich ein für alle Mal finden

Der zweiten Annahme widerspricht Viktor Frankl am deutlichsten. Mit den Erlebniswerten und den Einstellungswerten beschreibt er zwei Wege zum Sinn, die ohne jede Leistung auskommen.


Wo dieser Punkt weiterführt

Wer weiß, woraus Sinn entstehen kann, steht vor der Frage, wie sich die eigene Rolle und Arbeit danach ausrichten lassen. Das beschreibt Ausrichtung statt Berufung.

Wie sich die Art, Bedeutung zu bilden, im Lauf des Erwachsenenlebens verändert, beschreibt Reife und Entfaltung: Ich-Entwicklung.

Die Bedeutsamkeit bei Aaron Antonovsky verbindet die Frage nach dem Sinn mit der Frage, wo die eigene Arbeit ankommt. Diesen Zusammenhang beschreibt Beitrag: wodurch Arbeit Wirkung entfaltet.


Sinn wird nicht hergestellt.
Er zeigt sich in der Situation, die gerade da ist.

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MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

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Spüre das System, bevor Du Dich entscheidest.

Die Selbstklärung dauert wenige Minuten. Sie gibt Dir eine Richtung, wo dieser Beitrag Dir im Alltag weiterhilft.

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