Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Ausrichtung: woran sich jemand in seiner Arbeit orientiert
Ausrichtung bezeichnet in dieser Notiz das Wissen, woran sich jemand in seiner Arbeit und seinen Rollen orientiert, und die Bereitschaft, das eigene Handeln danach zu gestalten.
Die verbreitete Suche nach der einen Berufung setzt voraus, dass irgendwo eine passende Tätigkeit bereitliegt, die nur noch entdeckt werden muss. Ausrichtung setzt an der Tätigkeit an, die schon da ist: an der Rolle, die jemand ausfüllt, am Beitrag, den er leistet, und an dem, was er darin ausdrücken kann.
Diese Notiz beschreibt, was die Forschung unter Berufung versteht, wie Menschen ihre Arbeit selbst umgestalten und wo Rollen miteinander in Konflikt geraten.
Berufung finden: was die Forschung unter Berufung versteht
In der Arbeitspsychologie bezeichnet Berufung eine bestimmte Beziehung zur eigenen Arbeit und keinen bestimmten Beruf.
Amy Wrzesniewski, Psychologin, damals an der University of Michigan, unterschied mit Clark McCauley, Paul Rozin und Barry Schwartz 1997 im Journal of Research in Personality drei Orientierungen zur Arbeit: Arbeit als Job, als Karriere oder als Berufung. Befragt wurden 196 Beschäftigte aus Tätigkeiten von der Sachbearbeitung bis zu akademischen Berufen. In einer Gruppe von 24 Verwaltungsangestellten mit derselben Tätigkeit verteilten sich die drei Orientierungen etwa gleichmäßig.
Die Unterschiede ließen sich nach den Autoren nicht auf Beruf oder Herkunft zurückführen. Berufung liegt danach in der Art, wie jemand seine Arbeit sieht, und weniger in der Arbeit selbst.
Job Crafting: wie Menschen ihre Arbeit selbst gestalten
Job Crafting bezeichnet die Veränderungen, die Beschäftigte von sich aus an ihren Aufgaben, ihren Arbeitsbeziehungen und ihrer Sicht auf die eigene Tätigkeit vornehmen.
Amy Wrzesniewski und Jane Dutton, damals an der New York University und der University of Michigan, führten den Begriff 2001 in der Academy of Management Review ein. Nach ihrem Modell verändern solche Eingriffe die Gestalt und das soziale Umfeld einer Arbeit und damit auch, welche Bedeutung die Arbeit für jemanden hat und wie er sich in ihr sieht. Eine Metaanalyse von Cort Rudolph, Ian Katz, Kristi Lavigne und Hannes Zacher über 122 Stichproben mit 35.670 Beschäftigten fand 2017 im Journal of Vocational Behavior einen deutlichen Zusammenhang zwischen Job Crafting und dem Engagement bei der Arbeit (r = .45).
Die Daten sind überwiegend Querschnitte und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Belastbar ist der Befund, dass Menschen ihre Arbeit nicht nur vorfinden, sondern mitgestalten.
Rolle und Rollenkonflikt: wenn Erwartungen sich widersprechen
Ein Rollenkonflikt entsteht, wenn an eine Person Erwartungen gerichtet werden, die sich nicht gleichzeitig erfüllen lassen.
John Rizzo, Robert House und Sidney Lirtzman entwickelten 1970 im Administrative Science Quarterly Fragebögen, mit denen sich Rollenkonflikt und Rollenunklarheit getrennt erfassen lassen. In ihren Stichproben von Führungskräften erwiesen sich beide als unabhängige Größen. Beide hingen mit der Zufriedenheit der Befragten, ihrer Anspannung und ihrer Neigung zusammen, die Organisation zu verlassen.
Für die Ausrichtung heißt das: Wer mehrere Rollen ausfüllt, braucht eine Ordnung zwischen ihnen. Ausrichtung entscheidet, welche Erwartung in einer bestimmten Lage Vorrang bekommt.
Ikigai: was hinter der Grafik mit vier Kreisen steckt
Ikigai ist ein japanischer Begriff für das, was einem Leben Wert gibt, und hat mit der bekannten Grafik aus vier Kreisen wenig zu tun.
Michiko Kumano, Psychologin an der Osaka Ohtani University, ordnete 2017 in Applied Research in Quality of Life zwei japanische Begriffe des Wohlbefindens ein: Shiawase als Wohlbefinden durch angenehmes Erleben und Ikigai als Wohlbefinden durch ein sinnerfülltes Leben. Die verbreitete Grafik, die vier Kreise wie Leidenschaft, Können und den Bedarf der Welt überlagert, stammt nicht aus Japan. Der britische Blogger Marc Winn ergänzte 2014 nach eigener Darstellung nur das Wort Ikigai in einem bestehenden Diagramm zum Lebenszweck von Andrés Zuzunaga.
Ikigai im japanischen Sinn verlangt deshalb nicht, dass alle vier Kreise sich decken. Der Begriff beschreibt, was im eigenen Alltag Wert hat.
Was Ausrichtung in dieser Notiz nicht ist
Ausrichtung ist in dieser Notiz nicht gleichzusetzen mit:
- der Suche nach einem Traumberuf
- einer Bestimmung, die von außen vorgegeben ist
- einem Test, der die passende Tätigkeit ermittelt
- einem Plan für den beruflichen Werdegang
Der erste Punkt wird am häufigsten verwechselt. Die Forschung von Amy Wrzesniewski beschreibt Berufung als Beziehung zur Arbeit. Wer Ausrichtung sucht, prüft deshalb zuerst die eigene Sicht auf die Tätigkeit, bevor er die Tätigkeit wechselt.
Typische Fehlannahmen
- Jeder Mensch hat genau eine Berufung, die gefunden werden muss
- Eine Berufung erkennt man an einem bestimmten Beruf
- Die Ikigai-Grafik zeigt eine alte japanische Lehre
- Die eigene Arbeit ist, wie sie ist, und lässt sich nicht gestalten
Der zweiten Annahme widersprechen die Befunde von Amy Wrzesniewski am deutlichsten. Menschen mit derselben Tätigkeit erlebten ihre Arbeit als Job, als Karriere oder als Berufung.
Wo dieser Punkt weiterführt
Ausrichtung braucht einen Bezugspunkt, an dem sich zeigt, was in einer Lage Bedeutung hat. Wie dieser Bezugspunkt entsteht, beschreibt Sinn wird gefunden, nicht erfunden.
Die Art, wie jemand Rollen und Erwartungen ordnet, verändert sich im Lauf des Erwachsenenlebens. Das beschreibt Reife und Entfaltung: Ich-Entwicklung.
Nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan gehört das Erleben von Kompetenz zu den Grundbedürfnissen, die eine Arbeit tragen. Wann Arbeit als wirksam erlebt wird, beschreibt Beitrag: wodurch Arbeit Wirkung entfaltet.
Eine Berufung muss nicht gefunden werden.
Ausrichtung beginnt bei der Arbeit, die schon da ist.
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