Zurück zur Übersicht
12. Oktober 20264 Minvon Marco Kogler

Ich-Entwicklung: wie sich Erwachsene weiterentwickeln

Ich-Entwicklung beschreibt, wie sich die Deutung von sich selbst und der Welt im Erwachsenenalter verändert. Was Loevinger, Kegan und die Forschung dazu zeigen.

Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler

Ich-Entwicklung: Reife als veränderte Deutung

Ich-Entwicklung bezeichnet in der Entwicklungspsychologie die Veränderung des Rahmens, in dem ein Mensch sich selbst, andere und die Welt deutet.

Reife heißt in diesem Sinn nicht mehr Wissen oder mehr Erfahrung. Gemeint ist eine Art, Erfahrungen einzuordnen, die mehr Gesichtspunkte zulässt, Widersprüche besser aushält und die eigene Sicht als eine von mehreren erkennt. Diese Art der Deutung kann sich auch im Erwachsenenalter weiter verändern.

Diese Notiz beschreibt Ich-Entwicklung als Forschungsfeld mit seinen Modellen und Grenzen. Sie stuft niemanden ein.


Jane Loevinger: Ich-Entwicklung und der Satzergänzungstest

Jane Loevinger, Psychologin an der Washington University in St. Louis, beschrieb Ich-Entwicklung als Abfolge von Stufen, in denen sich Selbstverständnis, Umgang mit Regeln und Sicht auf andere gemeinsam verändern.

Ihr Buch Ego Development erschien 1976 bei Jossey-Bass. Gemessen wird die Ich-Entwicklung dort mit einem Satzergänzungstest, bei dem angefangene Sätze frei zu Ende geschrieben und nach einem Handbuch ausgewertet werden. Loevinger prüfte das Verfahren 1979 in Applied Psychological Measurement. Sie fand eine hohe innere Stimmigkeit und deutliche Zusammenhänge mit verwandten Maßen, hielt den Test aber nur für die Forschung für geeignet und nicht für die Beurteilung einzelner Menschen ohne weitere Angaben.

Eine spätere Übersicht von John Manners und Kevin Durkin kam 2001 im Journal of Personality Assessment zu dem Schluss, dass Theorie und Test empirisch gut gestützt sind. Loevinger selbst hatte festgehalten, dass die feste Reihenfolge der Stufen nicht eindeutig bewiesen ist.


Robert Kegan: die Subjekt-Objekt-Verschiebung

Die Subjekt-Objekt-Verschiebung beschreibt bei Robert Kegan den Schritt, mit dem etwas, das bisher das eigene Erleben bestimmt hat, zu etwas wird, das sich betrachten lässt.

Robert Kegan, Entwicklungspsychologe an der Harvard University, legte das Modell in The Evolving Self (Harvard University Press, 1982) dar und führte es in In Over Our Heads (Harvard University Press, 1994) weiter. Subjekt ist dabei, worin jemand eingebettet ist und was er deshalb nicht sehen kann. Objekt ist, was er betrachten, prüfen und verändern kann. Entwicklung heißt in diesem Modell, dass eigene Bedürfnisse, Beziehungen oder Überzeugungen vom Subjekt zum Objekt werden.

Ablauf in drei Schritten nach Robert Kegan: Subjekt, Verschiebung, Objekt; die Verschiebung ist hervorgehoben
Was bisher das eigene Erleben bestimmt hat, wird zu etwas, das sich betrachten lässt.

Das Modell beschreibt damit einen ähnlichen Vorgang wie der Abstand zu den eigenen Gedanken, nur über die Zeitspanne eines Lebens.


Reife und Entfaltung: Susanne Cook-Greuter und Thomas Binder

Die späten Stufen der Ich-Entwicklung beschreiben eine Reife, in der die eigene Sicht als gewachsen und begrenzt erkannt wird, und die Freiheit, mit der jemand handelt, als verantwortete Freiheit.

Susanne Cook-Greuter, Entwicklungsforscherin, fragte 2000 im Journal of Adult Development, ob reife Ich-Entwicklung über das eigene Ich hinausweist. Im deutschen Sprachraum hat Thomas Binder das Feld für die Beratung aufbereitet, in seinem Buch Ich-Entwicklung für effektives Beraten (Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978-3-525-40378-5), mit einem Vorwort von Susanne Cook-Greuter.

Entfaltung meint hier eine Erweiterung der Deutung. Eine spätere Stufe macht einen Menschen nicht wertvoller als eine frühere, sie beschreibt einen anderen Rahmen.


Abraham Maslow und die Pyramide: ein bekanntes, aber umstrittenes Modell

Abraham Maslow ordnete menschliche Bedürfnisse 1943 in eine Rangfolge, an deren Spitze die Selbstverwirklichung steht, und dieses Modell gilt bis heute als einflussreich und zugleich als fachlich umstritten.

Maslow stellte die Theorie 1943 in der Psychological Review vor. Mahmoud Wahba und Lawrence Bridwell sichteten 1976 in Organizational Behavior and Human Performance die Forschung zu dieser Bedürfnishierarchie und stellten sie auf den Prüfstand. Douglas Kenrick und Kollegen schlugen 2010 in Perspectives on Psychological Science vor, die Pyramide auf Grundlage der Evolutionsforschung umzubauen, und legten eine erneuerte Rangfolge grundlegender Motive vor.

Maslow wird hier deshalb nicht als Grundlage der Ich-Entwicklung genannt. Die Selbstverwirklichung bei Maslow und die Ich-Entwicklung bei Loevinger beschreiben verschiedene Dinge.


Was Ich-Entwicklung nicht ist

Ich-Entwicklung ist nicht gleichzusetzen mit:

  • Intelligenz oder Bildung
  • dem Lebensalter
  • einer Rangordnung, nach der Menschen besser oder schlechter sind
  • einem Ziel, das jemand erreichen muss

Die Notiz beschreibt ein Forschungsfeld und ordnet niemanden einer Stufe zu. Auch der Satzergänzungstest ist nach Jane Loevinger für die Forschung gedacht und nicht als Urteil über einen einzelnen Menschen.

Lebenskrisen und Fragen, die mit großem Leidensdruck verbunden sind, gehören in fachliche Begleitung. Ein Entwicklungsmodell ersetzt sie nicht.


Typische Fehlannahmen

  • Entwicklung endet mit dem Erwachsenwerden
  • Spätere Stufen bedeuten mehr Wert als Mensch
  • Ein Online-Test zeigt die eigene Stufe zuverlässig
  • Maslows Pyramide ist das wissenschaftliche Modell der Ich-Entwicklung

Der dritten Annahme widerspricht Jane Loevinger selbst am deutlichsten. Sie hielt den Satzergänzungstest nur bei sorgfältiger Auswertung für geeignet, und auch dann nur für die Forschung, nicht für die Einstufung einzelner Menschen ohne weitere Angaben.


Wo dieser Punkt weiterführt

Was Robert Kegan als Subjekt-Objekt-Verschiebung über ein ganzes Leben beschreibt, geschieht im Kleinen, wenn ein Gedanke als Inhalt bemerkt wird. Diesen Schritt beschreibt Gedanken beobachten, ohne sie zu sein.

Mit der Art, Erfahrungen zu deuten, verändert sich auch, worin jemand Bedeutung findet. Das beschreibt Sinn wird gefunden, nicht erfunden.

Woran sich jemand ausrichtet, hängt auch an diesem Rahmen der Deutung. Wie Rolle und Arbeit stimmiger werden können, beschreibt Ausrichtung statt Berufung.


Entwicklung hört mit dem Erwachsenwerden nicht auf.
Sie verändert den Rahmen, nicht den Wert eines Menschen.

Zurück zur Übersicht: Sinn & Ausrichtung

MK

Marco Kogler

System-Ersteller & Entwickler des DWNO-Systems

Der nächste Schritt

Spüre das System, bevor Du Dich entscheidest.

Die Selbstklärung dauert wenige Minuten. Sie gibt Dir eine Richtung, wo dieser Beitrag Dir im Alltag weiterhilft.

DWNO Notizen

Einsichten, bevor sie irgendwo anders landen.

Unregelmäßig, ungekauft und ohne Marketing-Schleife. Wenn wir etwas schreiben, das sich lohnt — Metakognition, Identität, Gesundheit, Unternehmertum — landet es zuerst in Deinem Postfach. Double-Opt-in, jederzeit abbestellbar.

Double-Opt-in erforderlich. Keine Werbung, kein Spam, jederzeit abbestellbar. Siehe Datenschutzerklärung.