Von Marco Kogler, Gründer der Lernplattform DWNO, der sich seit 2019 mit Metakognition, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit befasst und die Lerninhalte der Plattform selbst entwickelt. Über Marco Kogler
Perfektionismus und Qualitätsbewusstsein: zwei Arten, hohe Maßstäbe zu haben
Perfektionismus ist das Streben nach fehlerlosen Ergebnissen, verbunden mit sehr hohen Maßstäben an die eigene Arbeit und mit der Sorge, diesen Maßstäben nicht zu genügen.
Qualitätsbewusstsein teilt mit dem Perfektionismus die hohen Maßstäbe. Es lässt aber die Sorge weg, dass jeder Fehler etwas über den Wert der eigenen Person aussagt. Der Unterschied liegt damit weniger in der Höhe des Anspruchs als in dem, was an ihm hängt.
Diese Notiz beschreibt, was die Forschung über diese beiden Seiten weiß und warum gerade die zweite den Anspruch zur Last macht.
Funktionaler und dysfunktionaler Perfektionismus: Streben und Sorgen
Die Forschung unterscheidet beim Perfektionismus zwei Dimensionen: das perfektionistische Streben nach hohen Maßstäben und die perfektionistischen Sorgen um Fehler und um das Urteil anderer.
Joachim Stoeber und Kathleen Otto fassten 2006 in der Personality and Social Psychology Review die Befunde zu beiden Seiten zusammen. Perfektionistisches Streben ging darin mit positiven Merkmalen einher, solange die Sorge um Fehler und um die Bewertung durch andere nicht überwog. Das Online-Magazin In-Mind fasst den Stand in einem Beitrag von Evelyn Schneider so zusammen: Je stärker die perfektionistische Sorge, desto ungesünder wird der Perfektionismus.
Funktionaler und dysfunktionaler Perfektionismus sind deshalb keine zwei Typen von Menschen. Sie beschreiben, wie stark bei einer Person die Sorge neben dem Streben steht.
Warum Perfektionismus zunimmt: der Druck von außen
Perfektionismus hat bei jungen Erwachsenen in den USA, in Kanada und in Großbritannien über knapp drei Jahrzehnte zugenommen.
Thomas Curran und Andrew Hill, Psychologen an den Universitäten Bath und York St John, werteten 2019 im Psychological Bulletin 164 Stichproben mit 41.641 Studierenden aus den Jahren 1989 bis 2016 aus. Alle drei gemessenen Formen stiegen: der Anspruch an sich selbst, der Anspruch an andere und am stärksten das Gefühl, dass andere Perfektion erwarten.
Die Studie zeigt einen Verlauf über Geburtsjahrgänge und keine Ursache im Einzelfall. Sie deutet darauf hin, dass ein Teil des Anspruchs nicht aus der Person selbst kommt, sondern aus dem Gefühl, beobachtet und gemessen zu werden.
Verkörperung: Embodiment und das Zürcher Ressourcen Modell
Embodiment, deutsch Verkörperung, bezeichnet die Wechselwirkung von Körper und Psyche: Haltung und Bewegung hängen mit Denken und Fühlen zusammen, in beide Richtungen.
Maja Storch, Psychologin, und Wolfgang Tschacher, Psychologe an der Universität Bern, beschreiben diese Wechselwirkung zusammen mit Gerald Hüther und Benita Cantieni im Buch Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen (Hogrefe, Ausgabe 2022, ISBN 978-3-456-86218-7). Das Zürcher Ressourcen Modell, kurz ZRM, haben Maja Storch und Frank Krause als Trainingsmanual für Selbstmanagement beschrieben. Der Theorieteil bezieht nach Angabe des Verlags die Embodiment-Forschung ein (Selbstmanagement ressourcenorientiert, mit Julia Weber, Hogrefe, 7. Auflage 2022, ISBN 978-3-456-86214-9).
Einzelne populäre Befunde zur Verkörperung halten der Prüfung nicht stand. Eva Ranehill und ihre Kollegen fanden 2015 in Psychological Science in einer größeren Stichprobe keine Wirkung von Machtposen auf Hormone und Risikobereitschaft. Für das Qualitätsbewusstsein bleibt die Haltung als Beschreibung tragfähig, nicht als Technik mit sicherer Wirkung.
Resilienz und die 7 Säulen: was das populäre Modell vereinfacht
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, nach Rückschlägen wieder handlungsfähig zu werden, und gehört deshalb zu einem Qualitätsbewusstsein, das Fehler aushält.
Im deutschsprachigen Raum ist dafür das Modell der 7 Säulen der Resilienz verbreitet, das Resilienz in sieben Haltungen zerlegt. Eine Studie, die genau diese sieben Säulen als Modell prüft, ist nicht bekannt. Das Modell ordnet Begriffe, es belegt sie nicht.
Für das Thema Perfektionismus trägt daran vor allem der Grundgedanke: Ein Rückschlag ist ein erwartbarer Teil jeder Arbeit mit hohem Anspruch. Souveränität zeigt sich darin, dass ein Fehler korrigiert wird, ohne das Bild der eigenen Person zu verschieben.
Was Qualitätsbewusstsein nicht ist
Qualitätsbewusstsein ist in dieser Notiz nicht gleichzusetzen mit:
- dem Anspruch, nie einen Fehler zu machen
- der Angst vor dem Urteil anderer
- dem endlosen Nacharbeiten an einem fertigen Ergebnis
- niedrigen Maßstäben
Die Notiz beschreibt Perfektionismus als Persönlichkeitsstil, der sich in Streben und Sorgen zerlegen lässt. Sie ordnet keine Person ein und gibt keine Anleitung, Perfektionismus abzulegen.
Wer unter dem eigenen Anspruch stark leidet, sich über lange Zeit blockiert fühlt oder an der Sorge vor Fehlern kaum noch arbeiten kann, sollte sich fachliche Begleitung durch Ärztinnen, Ärzte oder psychologische Fachleute suchen. Selbstbeobachtung ersetzt diese Begleitung nicht.
Typische Fehlannahmen
- Perfektionismus ist immer schädlich
- Wer hohe Maßstäbe hat, ist ein Perfektionist
- Perfektionismus ist eine feste Eigenschaft, die jemand hat oder nicht hat
- Qualität entsteht durch Fehlerlosigkeit
Der ersten Annahme widersprechen Joachim Stoeber und Kathleen Otto am deutlichsten. Das Streben nach hohen Maßstäben ging in ihrer Übersicht mit positiven Merkmalen einher. Belastend wird es erst, wenn die Sorge um Fehler überwiegt.
Wo dieser Punkt weiterführt
Perfektionistische Sorgen beruhen oft auf einer festen Annahme über sich selbst. Taibi Kahler beschrieb sie in der Transaktionsanalyse als Antreiber „Sei perfekt“. Wie sich solche Annahmen erkennen und prüfen lassen, beschreibt Glaubenssätze erkennen und überprüfen.
Fehler werden erst zu Information, wenn sie zurückgemeldet und genutzt werden. Wie Rückmeldung und Phasen ohne sichtbaren Fortschritt zusammenhängen, beschreibt Feedback und Lernplateau.
Qualität entsteht über Zeit und durch Wiederholung. Warum Regelmäßigkeit dabei mehr trägt als einzelne große Anstrengungen, beschreibt Beständigkeit statt Intensität.
Hohe Maßstäbe tragen.
Die Sorge, ihnen nicht zu genügen, trägt nicht.
Zurück zur Übersicht: Meisterschaft & Übung
